Digitalisierung, Wissen und Bildung

Die Wirtschaft steht an der Schwelle der „digitalen Revolution“ – wenn wir uns nicht bereits mittendrin befinden – und diese wird Auswirkungen auf unsere Lebens- und Arbeitswelt haben. Auch vor dem Bildungssektor macht die Digitalisierung nicht halt, noch nie war es einfacher an Informationen zu kommen. Wikipedia macht die alten gedruckten Lexika überflüssig und für Wissenschaftler*innen sind digitale Zugänge zu Journals und Literatursuche ein Segen. Steht die Weltgesellschaft also vor einem goldenen Zeitalter des Wissens und der Bildung? Ist die Digitalisierung vergleichbar mit der Einführung des Buchdrucks? Eine Wissensrevolution?

Ich sage nein. Die Digitalisierung macht vieles einfacher, produziert aber auch eine unüberschaubare Menge an Informationsmüll, deren Auswirkungen auf die Gesellschaft wir derzeit exemplarisch auf Facebook und den dort veröffentlichten ‚Hetzposts‘ gegen Flüchtlinge mitverfolgen können.

Die Mitglieder der Online-Aufklärungskampagnen Mimikama.at und Hoaxmap können ein Lied davon singen, welche Möglichkeiten das Internet bietet, um absichtliche Falschmeldungen in die Welt zu setzen und wie schwer es ist diese zu korrigieren. Es braucht heute nur ein paar Sekunden, um sich eine Lügengeschichte auszudenken und um diese zu verbreiten. Und auch wenn diese Geschichte am Ende als falsch entlarvt wird, bleiben Reste in Teilen der Gesellschaft hängen. Denn Aufklärungskampagnen können nur die erreichen, die auch erreicht werden wollen. Das Internet bietet aber genug Möglichkeiten sich vor ‚aufklärerischen Zugriffen‘ zu verstecken – die sogenannten Filterblasen.

Auch abseits von Flüchtlingen und Hetze finden wir diese Problematik. Verschwörungstheorien basieren auf den selben Mechanismen. Noch nie war es so leicht sich durch selektive Informationswahl sein eigenes Weltbild zu schaffen und dieses gegen aufklärerischen ‚Angriffen‘ von außen zu sichern. Chemtrails klingen absurd, aber dennoch gibt es Vereine, welche sich dieser ‚Problematik‘ entgegenstellen. Und dabei wäre es (dank Internet) genauso leicht, aufklärende Materialien zu erreichen, etwa Stellungnahmen des Umweltbundesamtes.

Fairerweise muss man sagen, dass Verschwörungstheorien nicht erst seit Aufkommen des Internets existieren. Bekannt dürfte das Werk Erichs von Däniken sein, welcher sich mit seinen Theorien in Buchform über alte Kulturen und deren Kontakte zu Aliens großer Beliebtheit erfreute. Der Unterschied ist aber der, dass man, um Däniken zu lesen, einen Aufwand betreiben musste, um diesen zu bekommen – in die Buchhandlung fahren, Geld ausgeben, während man heute schon frei Haus mit ‚Informationsmüll“ in den Kommentaren auf Facebook oder bei Zeitungen wie ‚Die Zeit‘ beliefert wird.

Ok, aber was hat das nun mit ‚Wissen‘ und ‚Bildung‘ zu tun?

Der Unterschied ist, dass der Begriff des ‚Wissen‘ sowohl den ‚Informationsmüll‘ wie auch die korrekte ‚Information‘ umfasst. Sowohl der ‚Verschwörungstheoretiker‘ wie auch der ‚Aufklärer‘ fühlen sich als die ‚Wissenden‘, während der andere das ‚dumme Schaf‘ ist.

Dies führt mich zu meinem Punkt, dass ‚Wissen‘ zunächst nur ‚Informationen‘ sind und diese zunächst nur Daten sind. Weder gut noch schlecht, weder richtig noch falsch. Angenommen ich habe kein Vorwissen und ich gehe nur auf die Chemtrail-Website und danach auf die des Umweltbundesamtes, könnte ich danach nicht sagen, wer nun recht hat und wer nicht.

Denn zur Bewertung des ‚Wissens’/der ‚Information‘ braucht es einen weiteren Schritt. In diesem wird das erworbene Wissen verarbeitet. Die Validität der Quelle und der Information wird geprüft und mit bestehenden ‚Wissen‘ abgeglichen, ergo interpretiert. Damit dieser Prozess zu einem logisch kohärenten und mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit auch zu einem richtigen Ergebnis führt, braucht es umfassende Kenntnisse von verschiedenen Aspekten der physikalischen und geistigen Welt, sowie das methodische und theoretische Werkzeug zur Bewertung von ‚Informationen‘. Letzteres ist das, was ich als Bildung bezeichnen würde.

Bildung ist für mich eben nicht das pure Auswendigwissen der Werke großer Literaten oder klassischer Musiker oder das Erwerben eines Universitätsabschlusses,  sondern die Fähigkeit das erlernte ‚Wissen‘ zu einem logisch-kohärenten Weltbild zu verknüpfen.

Demzufolge kann Digitalisierung und der unbegrenzte Zugriff auf ‚Wissen‘ auch keine Auswirkungen auf den Bildungsstand der Bevölkerung haben, sondern im Gegenteil durch den ‚Informationsmüll‘, welcher ungehindert auf die Menschen einrieselt, die Bildung sogar korrodieren. Denn falsches ‚Wissen‘ und ein damit einhergehendes ‚falsches Weltbild‘, sind gefährlicher als das reine Nichtwissen.

 

Kurzfassung: Wissen kann nicht mit Bildung gleichgesetzt werden. Bildung ist die Befähigung Wissen in logischer Reihenfolge zu strukturieren und miteinander in Verbindung zu setzen. Dazu braucht es sowohl umfassendes ‚Wissen‘, sowie Theorien und Methoden um dieses ‚Wissen‘ zu operationalisieren (= propädeutische Fertigkeiten).

 

 

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