Amerikas Weg in die neue Religiosität

Richard Dawkins spricht in seinem Buch „Der Gotteswahn“ (Dawkins, S.59f-67) eine interessante Frage an, die zu wilden Spekulationen geradezu einlädt:

Warum gehören ausgerechnet die USA heute zu den religiösesten Staaten in der westlichen Welt?

Sowohl im politischen System wie auch im ‚Volk‘ griff seit den 1980ern eine neue Religiosität um sich, die für europäische Beobachter an Fanatismus grenzt (oder bereits deutlich überschreitet). George Bush senior sprach Atheisten ihr Bürgerrecht ab und betonte, dass die USA ein „Staat unter Gott“ sei (Dawkins, S.63), während Ted Cruz, der im Vorwahlkampf 2016 als die ‚gemäßigte‘ Alternative zu Donald Trump wahrgenommen wurde, die ‚jüdisch-christliche‘ Kultur wieder aufbauen wollte.
In der Welt der einfachen Bürger*innen spielen Religionsgemeinschaften eine noch größere Rolle, sind sie doch in den Kleinstädten so was wie eine Großfamilie. Unzählige Freikirchen buhlen um Mitglieder und ‚Fernsehpfarrer‘ ziehen den Menschen Millionen Dollar aus den Taschen. Über 57% der Amerikaner glaubten 2013 daran, dass ein überirdischer Schöpfer das Leben geschaffen oder zumindest die Entwicklung gelenkt habe. Besonders weiße, evangelische Protestanten*innen (die WASPs) glauben zu 64% an Kreationismus und weitere 18% zumindest an ‚Intelligent Design‘ (PewsResearchCenter, Public’s View). Diese Omnipräsenz von Religion im politischen und gesellschaftlichen Leben hat dann auch Konsequenzen. Outete man sich als Atheist, lief man Anfang des 21. Jahrhunderts durchaus Gefahr politisch und gesellschaftlich ausgegrenzt zu werden, Androhung von physischer Gewalt durch Polizisten inbegriffen (Dawkins, S.63f).

Zwischen 2007 und 2014 stieg die Zahl der Konfessionslosen zwar von 16,1% auf 22,8%, was auf eine einsetzende Trendwende hindeutet, aber für die obige Fragestellung ist diese Entwicklung nicht bedeutend (PewResearchCenter, Religious Landscape). Denn die religiöse Entwicklungen in den USA bis in die ersten beiden Dekaden des 21. Jahrhunderts ist paradox, waren doch die Gründerväter stark säkular bis atheistisch eingestellt und  definierten die USA eben nicht als christlichen Staat. Im Vertrag von Tripolis (1805) schrieb die Regierung unter Thomas Jefferson sogar, dass „(…) die Regierung der Vereinigten Staaten nicht in irgendeinem Sinn auf die christliche Religion gegründet“ sei (Dawkins, S.58).

Um zu erklären, warum ausgerechnet der ‚aufklärerische Idealstaat‘ dermaßen in die Religiosität abrutschte, wurden bisher drei Hypothese aufgestellt, über die wir diskutieren können:

  1. Dawkins selbst schlägt vor, dass die Menschen in Europa nach mehreren brutalen Konfessionskriegen der Religion schlicht überdrüssig wurden.
  2. Entwurzelte Einwanderer suchten und fanden im Glauben und in den Kirchengemeinden eine Art Familienersatz, was dazu führte, dass die ‚Kirchengemeinde‘ in der Identität als Einwanderungsland verwurzelt wurde.
  3. Die säkulare Verfassung der USA begünstigte diese Entwicklung. Während die Kirchen in Europa noch im Staat eingebunden sind, entwickelte sich in Amerika eine Art Marktwirtschaft des Glaubens. Kleinere und größere Gruppen buhlen um Mitglieder und wenden dabei alle Tricks des Marketings (zb. Verunsicherung) an.

Ich persönlich schließe mich der dritten Hypothese an, verfeinert mit einer Prise von Nr.2. Davor möchte ich kurz Deutschland als Beispiel für einen Staat anbringen wo die Kirchen noch etwas stärker mit dem Staat verbunden sind und Sonderrechte haben. In atheistischen Kreisen wird dies gerne bemängelt, dass Deutschland kein echter säkularer Staat sei. Als Beispiele dafür werden der Religionsunterricht in Schulen und die Tatsache, dass der Staat kirchlichen Amtsträgern bis hinauf zum Bischof das Gehalt bezahlt, angeführt. Dabei wird aber vergessen, dass staatlicher Religionsunterricht und Gehaltszahlungen Mittel sind, um das ‚Primat des Staates‘ sicherzustellen. Die Verbindung verhindert, dass der Glauben ein Eigenleben entwickelt. Diese Vorsichtsmaßnahme ist noch ein Erbe der napoleonischen Zeit und der Säkularisation und bedeutet, dass die Kirchen sich auch gewissen Regeln unterordnen müssen.

In den USA ist das anders. Glauben ist Privatsache und somit kann ich glauben was ich will oder gleich meine eigene Kirche gründen. Das führt zu einem Wildwuchs an Freikirchen ohne jegliche Kontrolle, etwa durch ein übergeordnetes Kirchensymposium/-konzil was die „richtige“ Deutung der Bibel vorgibt. Jeder darf die Bibel auslegen wie es ihm beliebt, mit der Folge, dass sich naive theologische Weltbilder verbreiten. Die einfachste und naivste Form der Exegese ist die wortwörtliche Übernahme des Geschriebenen, wie es etwa der Kreationismus vormacht. Dessen Anhänger weigern sich standhaft zu akzeptieren, dass der Planet Erde älter als 10.000 ist.

Das alleine reicht aber noch nicht, um zu erklären, warum die Menschen massenweise in die Kirchen zum Glauben ström(t)en. Hier kommt die Prise der Hypothese Nr. 2 ins Spiel, aber statt „Entwurzelung“ denke ich eher, dass „Verunsicherung“ der Faktor ist, der die Menschen in den USA in den Glauben trieb. Die Unterscheidung ist wichtig, denn entwurzelte Menschen gibt es nicht so häufig, aber Menschen, die noch ein festes Familiengefüge haben, können trotzdem verunsichert sein.
Und die USA sind nicht nur ein säkularer Staat, sondern auch ein marktliberaler Staat. Kennzeichen eines marktorientierten liberalen Staates ist, dass die Bürger*innen zwar alle Freiheiten haben, aber gerade diese Freiheit die Menschen überfordert und verunsichert.

Wenn ich die Auswahl unter Dutzenden von Produkten und Lebensentwürfen habe, ich aber nur eins haben kann, besteht immer die Möglichkeit der falschen Entscheidung. Die Folge ist, dass die Menschen im Westen zwar objektiv immer besser versorgt sind, subjektiv sich aber immer unglücklicher und überforderter fühlen.

Hinzu kommen noch Existenzsorgen und voilà, schon hat man eine große Anzahl verunsicherter Menschen, die Halt suchen. Und irrationale Weltbilder (Religion, Nationalismus, ua.) geben den größten Halt für ein Individuum. Sie liefern Gemeinschaft, Antworten und Lebenssinn.

Ironischerweiße hat also gerade die fortschrittliche, freiheitliche Verfassung der USA (im Vergleich zu den europäischen Ländern seinerzeit), welche Irrationalität außen vor lassen wollte, dafür gesorgt, dass sich ebenjene Irrationalität ungehindert ausbreiten konnte. Feste kirchlich- staatliche Strukturen sind zwar nicht wirklich säkular, setzen aber von oben gewisse ‚Spielregeln‘ und helfen, naive Weltbilder in Schach zu halten. Denn die Menschen lieben zwar Freiheit, aber Sicherheit lieben die Menschen noch mehr.


Dawkins, Richard: Der Gotteswahn, Berlin 2008, Ullstein Taschenbuch, 1. Auflage

PewResarchCenter, Public’s Views on Human Evolution, December 2013, http://www.pewforum.org/files/2013/12/Evolution-12-30.pdf , zul. gesehen am: 28.05.2016

PewResearchCenter, America’s Changing Religious Landscape, May 2015, http://www.pewforum.org/2015/05/12/americas-changing-religious-landscape/ , zul. gesehen am. 29.05.2016

 

Weißt du, warum es seit Ewigkeiten Krieg gibt? Weil er die einfachste Form der Realität ist. Jeder will den Krieg, um klare Fronten zu schaffen. Die verwickelte Situation, in der man lebt, möchte man letztlich mit Gewalt vereinfachen. Einen Feind zu haben, ist das höchste Gut, er ist uns eine Stütze.

(Jenni, Alexis: Die Französische Kultur des Krieges, München 2012, S.384)