Der ‚Labeling Approach‘. Wie die Gesellschaft sich Verbrecher erschafft

Die Forderung ‚Verbrecher mit der ganzen Härte des Gesetzes zu verfolgen‘ ist schnell und leicht ausgesprochen, aber ist das wirklich immer die beste Lösung? Eine Freiheitsstrafe kann den Menschen lang anhaltend stigmatisieren, so dass er kaum mehr in die Gesellschaft zurückfindet. Dadurch werden typische Verbrecherkarrieren befördert und die Gesellschaft produziert durch Haft also sogar weitere Straftaten, statt sie zu verhindern. Die Vertreter des ‚Labeling Approach‘ waren die ersten, die auf die kontraproduktive, schädigende Wirkung von Freiheitsstrafen hingewiesen haben. Die Theorie beruht auf der Interaktionsforschung, deren Kernthese ist, dass unsere Identität kein unveränderliches Gebilde ist, sondern durch Interaktion und Zuschreibungsprozessen mit Anderen geformt wird.

Die Vertreter der stärksten Auslegung des ‚Labeling Approach“ folgern daraus, dass es so etwas wie ‚Verbrecher‘ nicht gibt, sondern, dass es ein sozial konstruiertes ‚Label‘ ist, was die Gesellschaft einem Menschen aufdrückt. Kriminelles Verhalten existiert also nicht per se, sondern ist ein Deutungs- und Zuschreibungsprozess, in dem die Gesellschaft manche Verhaltensweisen als ‚Norm‘ und Andere als ‚normabweichend‘ und damit ‚bestrafungswürdig‘ definiert.

Der Blick in die Geschichte unseres Strafrechts zeigt, dass es solche Definitionsprozesse tatsächlich gab und gibt. Das Beispiel des Paragraphen 175 zeigt dies deutlich. Homosexualität stand von 1872 bis 1994 unter Strafe, was heute auf Unverständnis stößt, aber 122 Jahre lang definierte die Rechtsprechung Homosexualität als ‚normabweichendes‘ und ‚bestrafungswürdiges‘ Verhalten. Es ist offensichtlich das einige ‚Verbrechen‘, die wir heute noch mit der ganzen ‚Härte des Gesetzes‘ verfolgen, in einigen Jahren völlig legal sein werden.

Aber warum soll es ein Problem sein, einen Verbrecher‘ als Verbrecher zu bezeichnen und in Haft zu stecken? Zum einen verengt sich nach einer Strafe der Spielraum für normkonformes Verhalten noch weiter. Es wird schwerer einen Job zu finden, das Geld fehlt. Der Mensch ist nun als ‚Verbrecher‘ etikettiert und stigmatisiert, was sein Selbstbild verändert. Wenn die Gesellschaft ihn als Verbrecher wahrnimmt, vielleicht ist er dann einfach ein Verbrecher und wird auch weiterhin ein Verbrecher sein? Die Stigmatisierung wird eine ‚self-fulfilling prophecy‘. Statt für den neuen LED-Fernseher zu arbeiten, wird er geklaut. Schließlich ist man ein Verbrecher!

Dies zeigt, dass tatsächlich nicht alle Straftaten verfolgt werden sollten, denn auch Non-Intervention kann präventiv wirken. Die zunehmende Entkriminalisierung und Nichtverfolgung von Drogendelikten geht in eben jene Richtung.