Warum verlor China den Opium-Krieg?

Andrade, Tonio: The Gunpowder Age. China, Military Innovation, and the Rise of the West in World History, Princeton 2016

k10571Warum verlor China den Opium-Krieg (1839-1942) gegen Großbritannien so deutlich? Das ist die Kernfrage von Tonio Andrade’s Buch „The Gunpowder Age“, dass 2016 im Verlag Princeton Press erschienen ist. Die Antwort scheint zunächst einfach: China verlor den Krieg weil das Land technologisch rückständig war. Denn Großbritannien zog mit Dampfschiffen und Sprenggranaten in den Krieg, während das Reich der Mitte mit hölzernen Dschunken aufwartete, deren Bauart hunderte Jahre alt war.

Andrade geht aber noch einen Schritt weiter und fragt, wie konnte es überhaupt zu dieser Divergenz kommen? Schließlich hatte China bereits um 900 n. Chr. das Schießpulver erfunden und experimentierte seitdem mit Kanonen, Handfeuerwaffen und Infanteriedrill. Die Metallurgie war der Europas weit vor raus. Das Staatensystem war gefestigter als das Europas. Alles gute Gründe warum China die Welt hätte kolonisieren können und nicht die europäischen Staaten.

Um diese Frage zu klären, unterteilt Andrade die Zeit zwischen 900 und 1850 in die drei Zeitabschnitte in das „Early Gunpowder Age“ (als China einen Vorsprung hatte), „The Age of Parity“ (Gleichstand) und „Age of Divergence“ (Vorteil Europa) und vergleicht hier die Entwicklungen in Europa und China. Dabei geht er auf verschiedene Aspekte ein, etwa die Bedeutung von Musketen, der Bastionsfestung und die Wissenschaft für die militärische Vorherrschaft Europas und setzt sich mit den Thesen anderer Historiker auseinander. Andrades Kernthese ist dann, dass China den Vorsprung einbüßte, weil es ab ~1750 keine größeren Konflikte mehr führen musste. Das Land und die Nachbarn waren befriedet und somit gab es schlicht keinen Grund mehr für militärtechnische Innovationen.

Mit dieser These bin ich nicht ganz so glücklich, denn wie Andrade selbst im Kapitel „Age of Parity“ zeigt, hatten die europäischen Staaten, Portugal und Holland, ab ~1500 bereits einen technologischen Vorsprung. Beispielsweise Schiffe die gegen den Wind segeln konnten und das „klassische“ Kanonendesign (die typischen Bronzekanonen wie sie etwa noch bei Napoleon verwendet wurden). Das Zeitalter der Divergenz begann also bereits, aber die Technik war noch so einfach, dass sie schnell kopiert werden konnte. Dies war aber 1839 nicht mehr möglich, da in China endgültig die industriellen Fähigkeiten fehlten, um etwa Dampfmaschinen zu bauen.

Dennoch ist das Buch lesenswert. Besonders der Vergleich zwischen Europa und China ist spannend und Andrade kann zeigen, dass viele klischeehafte Annahmen über China, etwa die Rückständigkeit aufgrund des Konfuzianismus, so nicht haltbar sind. Auch die Militärtechniker können einiges über die Fechtweise Chinas lernen. Und das Buch ist strukturiert aufgebaut und flüssig lesbar. Andrade greift auch eine Forschungsrichtung auf, die in Deutschland ziemlich unbekannt ist, nämlich die „Military Innovation Studies“. Diejenigen, die wie ich vom ewigen Zweiten Weltkrieg in der deutschen Historiographie angeödet sind, können zugreifen. Das Buch wirkt dank des Themas und des thesenorientierten Aufbaus geistig erfrischend.

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„Medien und die „gefühlte Wirklichkeit“

Ein weiterer Beitrag aus meiner (neuen) Reihe, „Thorsten, der alte Besserwisser, belehrt dumme Zeit-Online-User“. Thema heute:

„Gefühlte Wirklichkeit“ versus „Realität“

Einleitend sei gleich gesagt, dass ich weiß, dass „Wirklichkeit“ und „Realität“ problematische Begriffe in der Philosophie sind – was ist Wirklichkeit, was ist Realität, Konstruktivismus und so weiter – aber der Einfachheit halber verwende ich hier meine persönliche Definitionen (bin aber offen für Kritik und Anmerkungen 😉 )

Realität = Das, was tatsächlich ist und sich durch objektive Methoden beschreiben lässt.

Wirklichkeit = Subjektive Einschätzung, aka „Bauchgefühl“ eines Individuums über die Realität.

Also, um was ging es diesmal?

„Die Zeit“ berichtete über die tragischen Ereignisse der beiden vor kurzem durch Polizisten erschossenen Schwarzen und der eskalierten Demonstration in Dallas (bisher fünf Polizeibeamte getötet). [LINK]

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Fahnenschwenken und Großmachtstreben

Alle (EM-) Jahre wieder kommt die Diskussion auf, ob das Schwenken der Deutschlandfahne ein Vorbote eines neuen, bösartigen, deutschen Großmachtstrebens sind, diesmal im Kommentarstrang der ‚Zeit Online‘. Ein Kommentar hat mich dann zu einer Replik gereizt:

Eventuell weil ein „unverkrampftes“ Verhältnis zur deutschen Flagge u.a. industriellen Massenmord verursacht hat?

Ich antwortete:

„Falsch. Der ins Extrem übersteigerte deutsche Nationalismus nach dem 1. Weltkrieg war eben NICHT Folge eines „unverkrampften“, sondern ganz im Gegenteil, eines völlig verkrampften Verhältnisses zu sich selbst!

Eine Analogie verdeutlicht das: Selbstbewusste Menschen haben eine gefestigte Identität, sie wissen wer sie sind und wohin sie wollen, sie können andere Meinungen und Identitäten akzeptieren und zugeben, wenn sie etwas falsch gemacht haben – kurz. Sie sind „unverkrampft“ und müssen niemanden etwas beweisen.

Unsichere Menschen jedoch schieben die Schuld auf Andere, fühlen sich durch Meinungen bedroht, sehen überall Statuskämpfe, wollen andere dominieren, um selbst größer und wichtiger zu erscheinen… sie haben eine völlig verkrampfte Identität. Deutschland 1918-1945 war so eine „verkrampfte“, unsichere Nation.

Das Deutschland von 2016 hat sich seine Vergangenheit eingestanden und mit seinen Nachbarn angefreundet. Die Menschen, die heute auf Fanmeilen die Fahne schwenken, fahren morgen zum Erasmusstudium nach Polen und trinken ein Bier mit Spaniern, Niederländern und Bulgaren.

Die Einzigen, die noch ein verkrampftes Verhältnis haben, sind die ewiggestrigen Antifaschisten, die uns eintrichtern wollen, dass „Identität“ etwas Schlechtes sei und damit das jämmerliche, defensive Geheul der AFD selbst produzierten.

Mir sind die unverkrampften, offenen Partydeutschen lieber.“