„Medien und die „gefühlte Wirklichkeit“

Ein weiterer Beitrag aus meiner (neuen) Reihe, „Thorsten, der alte Besserwisser, belehrt dumme Zeit-Online-User“. Thema heute:

„Gefühlte Wirklichkeit“ versus „Realität“

Einleitend sei gleich gesagt, dass ich weiß, dass „Wirklichkeit“ und „Realität“ problematische Begriffe in der Philosophie sind – was ist Wirklichkeit, was ist Realität, Konstruktivismus und so weiter – aber der Einfachheit halber verwende ich hier meine persönliche Definitionen (bin aber offen für Kritik und Anmerkungen 😉 )

Realität = Das, was tatsächlich ist und sich durch objektive Methoden beschreiben lässt.

Wirklichkeit = Subjektive Einschätzung, aka „Bauchgefühl“ eines Individuums über die Realität.

Also, um was ging es diesmal?

„Die Zeit“ berichtete über die tragischen Ereignisse der beiden vor kurzem durch Polizisten erschossenen Schwarzen und der eskalierten Demonstration in Dallas (bisher fünf Polizeibeamte getötet). [LINK]

Auf Seite 9 der Kommentare hat der User „PeterParker77“ geschrieben, dass sich die Anzahl der erschossenen Afro-Amerikaner in den letzten beiden Jahren deutlich erhöht habe, worauf der User „Sonitat“ Statistiken gefordert hat, die diese Aussage belegen können.

PeterParker77 antwortete:

Warum muss man hier ständig Aussagen untermauern die täglich in fast jedem Medium nachzulesen sind? Nur weil Sie einmal die Woche die Zeitung aufmachen heißt das nicht, dass Dinge nicht geschehen 😉

An dieser Aussage stört mich vor allem die naive „Mediengläubigkeit“. Es zeugt von einem tiefen Unverständnis darüber, wie Medien unsere Wirklichkeit beeinflussen, oder sogar erst konstruieren. Das hat nichts mit „Lügenpresse“-Vorwürfen zu tun, sondern liegt schon in der Arbeitsweise von Medien begründet. Medien wählen Themen aus und ignorieren andere. Es gibt Episoden wo über ein Thema häufig berichtet wird und bereits die Auswahl und die Berichtshäufigkeit liefert uns Lesern unabsichtlich ein verzerrtes Bild der Realität (s.o).

Deswegen antwortete ich dem lieben Herrn PeterParker77:

Nichts für ungut, aber deine Argumentation ist ziemlich schief, sogar falsch und zeugt von einer naiven „Mediengläubigkeit“.

Deine Aussage, dass in den letzten beiden Jahren die Zahl der erschossenen Schwarzen deutlich erhöht hat, ist eine reine Glaubensaussage, beruhend auf einer „gefühlten Wirklichkeit“, die aber nichts mit der Realität zu tun haben muss.

Die Medien haben in den letzten beiden Jahren häufiger über erschossene Afro-Amerikaner berichtet, aber das einzige was sich aus diesem Befund ableiten lässt, ist dass Medien nun häufiger darüber berichten. Tatsächlich können in den beiden Jahren genausoviel, mehr oder weniger Schwarze erschossen worden sein wie in den Jahren davor.

Medien vermitteln sehr häufig (unabsichtlich!) ein falsches Bild. Manche Themen rücken zeitweise in den Vordergrund was wiederum die „gefühlte Wirklichkeit“ der Bevölkerung verändert, die nun häufiger über bestimmte Themen lesen und daraus ableiten, dass es etwas auch tatsächlich häufiger passiert.

Deswegen sind Statistiken so hilfreich (wenn auch nicht perfekt). Sie zeigen oft, dass unsere „gefühlte Wirklichkeit“ nicht der Realität entspricht.

 

Belege für die verzerrende Wirkung  von Medienberichten gibt es haufenweise, gut untersucht ist etwa die gefühlte Häufigkeit von Straftaten. In kriminologischen Studien wird die Bevölkerung gerne mal gefragt, was sie glaubt, wie sich die Anzahl von Straftaten entwickelt hat und die gefühlte „Wirklichkeit“ der Menschen stimmt häufig nicht mit der messbaren „Realität“ überein!

Besonders schön illustriert es diese Grafik, die ich aus einem Vortrag von Prof. Dr. Wolfgang Heinz zum Thema „Jugendkriminalität aus rechtswissenschaftlicher Perspektive“, S.7 geklaut habe. Das PDF gibt es Hier zum runterladen.

Statistik gefühlte Wirklichkeit Kriminalität

Was sieht man?

Die Teilnehmer der Befragung wurden gebeten, zu schätzen, wie sich bestimmte Straftaten in den den 10 Jahren bis 2009 entwickelt haben – also häufiger oder seltener? Beispiel Sexualmord. Die Menschen schätzten, dass diese Straftat 56% häufiger vorkommt, als früher. Tatsächlich SANK die Zahl der registrierten Sexualmorde um 56%! Insgesamt glaubt die Bevölkerung, dass die Kriminalität um 29 % gestiegen ist, während sie tatsächlich in dem Zeitraum um 4% gesunken ist.

Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Die Menschen glauben, das die Kriminalität stark gestiegen ist und fühlen sich immer bedrohter, während man tatsächlich wohl noch nie so sicher war wie jetzt!

Diese Diskrepanz lässt sich leicht erklären. In unserer „durchmedialisierten“ Welt, wo Nachrichten innerhalb von Sekunden geteilt werden und auf unserem Bildschirm landen, erfahren wir sofort wenn irgendwo, irgendwas passiert ist. Mord, Totschlag und Einbrüche sind schneller und per Live-Schaltung auf unserm Bildschirm, sie sind ubiquitär verfügbar und passieren damit auch gefühlt häufiger. Noch schlimmer ist die „Gerüchte-Verteilmaschine“ names Facebook, wie wir während der Flüchtlingskrise gesehen haben. Unwahrheiten werden geteilt und geglaubt, bilden die Basis für die „gefühlte Wirklichkeit“ und werden zur absoluten Realität erhoben.

Jakob Augstein sagte vor kurzem bei Phönix: „Das Internet ist das Umwälzwerk des Wahnsinns“. Dem kann man sich nur anschließen.

Das führt mich zu letztendlich zu dem Grundproblem des Artikels zurück und man kann sagen, dass:

Nur weil man glaubt und das Gefühl hat, wie etwas ist, muss es deshalb noch lange nicht so sein! Unsere „Wirklichkeit“ wird schon durch unser Gehirn verzerrt und noch mehr durch die Medien. Deswegen mein Aufruf zu mehr Bescheidenheit, bevor man absolute Aussagen tätigt und sich häufiger Sokrates‘ Ausspruch ins Gedächtnis rufen:

„Ich weiß, dass ich nichts weiß“

Schönes Wochenende 🙂

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