Unterliegen menschliche Gesellschaften der Entropie?

Die besten Ideen kommen einen, wenn man nicht damit rechnet. Und manchmal entpuppen sich Ideen, die man zuerst für genial hielt, als Rohrkrepierer, wenn man länger darüber nachdenkt. In beiden Fällen lohnt es sich aber seine Gedanken aufzuschreiben. Auch aus schlechten Ideen können sich gute entwickeln und gute zu vergessen… Nun ja. Daher gibt es eine neue Reihe:

„Gedankenspiel – Top oder Flop?“

Gerade im Garten. Ich saß, sah und dachte. Über Chaos und Ordnung, also das Prinzip der Entropie in der Physik. Entropie bedeutet, dass alle Systeme zu einem Zustand größtmöglicher UNORDNUNG streben. Das Chaos ist der stabilste Zustand. Und jeder Versuch, das Chaos zu ordnen kostet Energie. Durch Energieaufwand schafft man Ordnung und gleichzeitig generiert man auf einer anderen Ebene neue Unordnung. Dieses Prinzip ist universal und jeder von uns kann es jeden Tag erleben, wenn er seine Wohnung aufräumt. Dreck zu machen ist leicht. Putzen kostet Zeit und Energie. Unsere Körpertemperatur erhöht sich, erwärmt die Luft, was wiederum das Chaos auf der Ebene der Luftmoleküle erhöht (Wärme = mehr Energie = mehr Bewegung = mehr Chaos). Auch Nahrung aufnehmen ist ein Ordnungsprozess. Würden wir uns dem Zufall überlassen, würden die meisten sterben, denn gebratene Tauben fliegen einem nicht in den Mund! Unsere Existenz ist also eigentlich ein Kampf gegen das Chaos. (Direkt mal den Sinn des Lebens gefunden ;D).

Dann kam mir die Idee, dieses Prinzip auf Gesellschaften anzuwenden. Ich denke nicht, dass sonderlich originell ist oder gar welterschütternd genial ist. Aber ich fand die Idee lustig, wollte ausloten wie weit sie mich bringt und ob es überhaupt etwas erklären kann. Denn ein Modell ist nur dann sinnvoll, wenn es erklärt und hilft, Vorhersagen zu machen.

Also, unterliegen Gesellschaften der Entropie?

Wenn ja, bedeutet es, dass Gesellschaften ein Ordnungsprinzip sind und daher latent instabil. Jeder Mensch strebt in eine andere Richtung und würde man keine Energie (was wäre das in Gesellschaften?) aufwenden, würde alles binnen kurzer Zeit auseinander fliegen. Ein Beispiel für ein Ordnungssystem, was derzeit höchst instabil ist, wäre die Europäische Union. Brexit, Euro-Krise und Flüchtlinge wirken wie Strahlungsdruck von innen und drücken die EU auseinander. Je mehr Menschen ‚geordnet‘ werden müssen, desto instabiler wird es. Soweit, so offensichtlich.

Wie sieht es auf der Ebene der Nationalstaaten aus? Entropisch oder stabil? Befürworter von starken Nationalstaaten (AFD, Front National) sehen dieses Konstrukt als Stabilitätsanker im Chaos. Tatsächlich sind Nationalstaaten alles andere als stabil. Die Instabilität fängt schon bei der Definition an. Wer gehört zu einer ‚Nation‘? Jeder der Deutsch spricht? Oder blond und blauäugig ist? Nach beiden Prinzipien wurde versucht zu ordnen und dabei mehr Chaos als Ordnung geschaffen.

Umgekehrt kann man mal fragen, was denn eine stabile Gesellschaft wäre. Dem Prinzip der Entropie nach, ist eine Gesellschaft dann stabil, wenn sie chaotisch ist. Hatten also die Anarchisten doch recht? Ist Auflösung jeglicher Ordnung, jeglicher staatlicher Gewalt, die bestmöglichste ‚Gesellschaft‘?
Ich denke, eine chaotische Gesellschaft wäre ebenfalls instabil. Denn schließlich ist der Mensch ‚Ein Kämpfer  gegen das Chaos‘. Wir müssen Ordnung schaffen, um zu leben. Ergo ist jedes System – auch ein absichtlich chaotisches – was der Mensch auch nur halb/teil- oder 1/8-aktiv mitgestaltet, ein Ordnungsprinzip und damit instabil.

Die Frage, ob Gesellschaften der Entropie unterliegen führt also im Kreis. Ja, sie unterliegen der Entropie, aber gleichzeitig kann der Mensch nicht NICHT ordnen. Wir gewinnen also nichts, wenn wir Gesellschaften entsprechend betrachten. Sie sind immer auf irgendeine Art instabil.

So. Auch wenn es nichts brachte,hat es dennoch Spaß gemacht, darüber mal nachzudenken und ich kann mich wieder zurück in den Garten legen.

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Was kann man aus der Geschichte lernen?

Eigentlich eine rhetorische Frage sollte man meinen. Zumindest antworten Historiker hier reflexartig mit „Nein!“. Ich frage mich aber gerade, ob das wirklich so haltbar ist. Denn wenn man aus der Geschichte nichts lernen kann, bedeutet das nicht zwangsläufig auch, dass man aus den eigenen Erfahrungen, die man im Leben sammelt, ebenfalls keine Schlüsse ziehen sollte? Aber erstmal willkommen zu einem neuen Teil von „Thorsten, der alte Besserwisser, belehrt dumme Zeit-Online User“ (Wobei ich diesmal weder etwas besser weiß, noch einen User belehre).

Diesmal ging es um den Artikel „Krisen: Erhitzte Zeiten“ von Gero von Randow. Die Kernaussage des Autors war, dass unsere heutige Zeit, die uns so überhitzt und rasend vorkommt, durchaus Entsprechungen in der Vergangenheit hatte. Die Jahrhundertwende vom 19. auf das 20. Jahrhundert galt ja durchaus als Zeit der Nervosität. Anyway, trotz des Blickes zurück betont Randow immer wieder, dass man aus der Vergangenheit nichts lernen könne:

„Nein, es ist nicht alles schon da gewesen. Die Vergangenheit belehrt uns auch nicht über die Zukunft. Wohl aber darüber, was man falsch machen kann.“

Ich fand, dass sich der Autor hier selbst widerspricht. Meine Replik geht noch etwas weiter und ich frage danach, ob es nicht paradox ist, dass der Mensch den Wert ‚kollektiven Erfahrungen‘ negiert, während jeder tagtäglich aus seiner eigenen ‚Geschichte‘ zu lernen versucht:

Widerspricht sich der Autor hier nicht selbst? Denn die Erkenntnis, dass eine Handlung in der Vergangenheit ‚falsch‘ war, impliziert doch bereits einen Lerneffekt?

Aber das passt zu unserem paradoxen Umgang mit Vergangenheit. Auf der einen Seite steht das Mantra, dass man aus der Geschichte nichts lernen könne. Auf der anderen der Anspruch des einzelnen Menschen, dass die eigenen Erfahrungen etwas wert sein müssen. Wer von uns würde leugnen, dass er eine neue Situation nicht mit einer ähnlichen, bereits erlebten, abgleicht und versucht daraus eine Handlungslösung zu entwickeln? Und dabei sind alle Menschen und Situationen unseres Lebens einzigartig und nicht vergleichbar.
Also. kann man nun aus der Geschichte etwas lernen, oder nicht?

Ich sage ja. Nicht in dem Sinne, dass wir aus dem Mittelalter Lösungen für heutige Probleme ziehen können. Sondern die Erkenntnis, dass weder ich, noch unsere Gesellschaft, noch unsere Probleme einzigartig in der Weltgeschichte sind.