Was kann man aus der Geschichte lernen?

Eigentlich eine rhetorische Frage sollte man meinen. Zumindest antworten Historiker hier reflexartig mit „Nein!“. Ich frage mich aber gerade, ob das wirklich so haltbar ist. Denn wenn man aus der Geschichte nichts lernen kann, bedeutet das nicht zwangsläufig auch, dass man aus den eigenen Erfahrungen, die man im Leben sammelt, ebenfalls keine Schlüsse ziehen sollte? Aber erstmal willkommen zu einem neuen Teil von „Thorsten, der alte Besserwisser, belehrt dumme Zeit-Online User“ (Wobei ich diesmal weder etwas besser weiß, noch einen User belehre).

Diesmal ging es um den Artikel „Krisen: Erhitzte Zeiten“ von Gero von Randow. Die Kernaussage des Autors war, dass unsere heutige Zeit, die uns so überhitzt und rasend vorkommt, durchaus Entsprechungen in der Vergangenheit hatte. Die Jahrhundertwende vom 19. auf das 20. Jahrhundert galt ja durchaus als Zeit der Nervosität. Anyway, trotz des Blickes zurück betont Randow immer wieder, dass man aus der Vergangenheit nichts lernen könne:

„Nein, es ist nicht alles schon da gewesen. Die Vergangenheit belehrt uns auch nicht über die Zukunft. Wohl aber darüber, was man falsch machen kann.“

Ich fand, dass sich der Autor hier selbst widerspricht. Meine Replik geht noch etwas weiter und ich frage danach, ob es nicht paradox ist, dass der Mensch den Wert ‚kollektiven Erfahrungen‘ negiert, während jeder tagtäglich aus seiner eigenen ‚Geschichte‘ zu lernen versucht:

Widerspricht sich der Autor hier nicht selbst? Denn die Erkenntnis, dass eine Handlung in der Vergangenheit ‚falsch‘ war, impliziert doch bereits einen Lerneffekt?

Aber das passt zu unserem paradoxen Umgang mit Vergangenheit. Auf der einen Seite steht das Mantra, dass man aus der Geschichte nichts lernen könne. Auf der anderen der Anspruch des einzelnen Menschen, dass die eigenen Erfahrungen etwas wert sein müssen. Wer von uns würde leugnen, dass er eine neue Situation nicht mit einer ähnlichen, bereits erlebten, abgleicht und versucht daraus eine Handlungslösung zu entwickeln? Und dabei sind alle Menschen und Situationen unseres Lebens einzigartig und nicht vergleichbar.
Also. kann man nun aus der Geschichte etwas lernen, oder nicht?

Ich sage ja. Nicht in dem Sinne, dass wir aus dem Mittelalter Lösungen für heutige Probleme ziehen können. Sondern die Erkenntnis, dass weder ich, noch unsere Gesellschaft, noch unsere Probleme einzigartig in der Weltgeschichte sind.

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