Ja, ich liebe Deutschland!

Ein offener Brief an alle sogenannten ‚deutschen Patrioten‘

Immer diese ewige Vergangenheit, immer dieses Beklagen, dass die deutsche Geschichte bis 1945 nur schlecht geredet wird, immer der Wunsch, es möge wieder so ein Nationalgefühl wie damals vor 1914 geben! … kommt von euch sogenannten deutschen Patrioten denn niemals jemand mal auf die Idee, sein positives Selbstwertgefühl aus der Gegenwart zu beziehen?

Die Vergangenheit ist vergangen, für mich im hier und jetzt ist es absolut unerheblich, ob jetzt der Blankoscheck durch Wilhelm II. den Krieg ausgelöst hat oder ob andere ebenfalls fleißig mitgezündelt haben. Wenn sich die Serben über Clarks Thesen aufregen, bedeutet das nicht, dass die ein gesundes Nationalgefühl haben, sondern ganz im Gegenteil. Die Vergangenheit zu glorifizieren und Negatives auszublenden ist typisch für schwache Staaten, die ihren Bürgern nichts anderes zu bieten haben, als das Gefühl was Besseres zu sein.

Ja, nur schwache Staaten reden sich ihre Nation ständig schön und werden wütend, wenn man an der Unfehlbarkeit zweifelt. Staaten wie die Türkei, die bis heute jegliche Verantwortung für Armenien wütend von sich weist, sind wie Narzissten, die keine Fehler gestehen können. Denn jeder Fehler kratzt an der Oberfläche der Grandiosität und unter diesem Panzer findet sich keine selbstbewusste, starke Persönlichkeit, sondern ein schwächlicher Wicht. Auch das von euch so viel gerühmte ‚Nationalbewusstsein von vor 1914‘ war ein Ausdruck der seelischen Schwäche und ich weiß nicht, wo ihr bei unseren Nachbarn ‚gesundes Nationalgefühl‘ seht, ich sehe nur Narzissten.

Wir sollten aufhören Narzissmus mit Stärke zu verwechseln!

Die vor kurzem geschmähte ‚Gedenkkultur der Schande‘ hat überhaupt nichts mit Schwäche oder fehlendem Nationalgefühl zu tun. Wir Deutsche stehen zu den Verbrechen die im Namen Deutschlands begangen wurden und gerade das macht uns zu einer starken, selbstbewussten Nation, die nicht viel Inszenierung braucht. Das liebe ich so an Deutschland.

Wenn ich am Brandenburger Tor stehe und neben mir französisch, polnisch oder russisch höre, liebe ich es, in Deutschland zu leben – wir haben die Vergangenheit überwunden und tausende Menschen aus ehemaligen Feindstaaten besuchen uns und fühlen sich in bei uns wohl.

Jedes mal wenn ich aus Potsdam nach Hause nach Augsburg in Bayern fahre, liebe ich es, Deutscher zu sein. Meine Mutter erzählte mir, was sie sah, als sie bei einer Klassenfahrt nach West-Berlin die Grenze Nachts überquerte  – Gleißendes Licht, Stacheldraht, Hunde, Maschinengewehre. Ich sitze im ICE, schaue aus dem Fenster und sehe nur Landschaft und bin stolz darauf, dass wir Deutsche Diktaturen und Grenzen in Deutschland und Europa überwunden haben.

Ja, wir brauchen mehr Bewusstsein dafür, welch einzigartige historische Leistung die deutsche und die europäische Einheit ist. Was wir nicht brauchen, ist ein ‚Nationalgefühl wie vor 1914‘.

Dieser Post war ursprünglich eine Antwort auf einen Post im Forum  des Vereins „Stadtbild Deutschland“, daher Anspielungen, die sich vielleicht nicht direkt erschließen: http://www.stadtbild-deutschland.org/forum/index.php?thread/2464-einheitsdenkmal-in-berlin/&postID=243543#post243543

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