Germanwings und Nineeleven

Vielleicht habt ihr es mitbekommen, aber vor ein paar Tagen hat der Vater des Piloten Andreas Lubitz, der vor zwei Jahren die Germanwings-Maschine in den französischen Alpen hat abstürzen lassen, ein Gutachten vorgelegt, welches beweisen sollte, dass es eben keine Absicht war, sondern ein Unfall. Naja, also bewiesen wird nichts, es werden nur Zweifel an Details im Ermittlungsbericht geschürt:

Van Beveren glaubt nicht an einen Suizid als Auslöser des Absturzes. Eine mögliche Ursache der Katastrophe sieht der Gutachter vielmehr in einer besonderen Wetterlage, möglicherweise kombiniert mit technischen Mängeln

Aber die Hintergründe und die Kernaussagen des neuen Gutachtens könnt ihr auf Zeit Online nachlesen, denn um die echten und vermeintlichen Fakten geht es mir hier nicht, sondern um die Debatte, die sich im Kommentarbereich entfaltet.

Denn interessant an der Geschichte ist schon lange nicht mehr die Ursache des Absturzes, sondern was daraus gemacht wird. In meiner Jugend habe ich mich viel mit den diversen Verschwörungstheorien um 9/11 beschäftigt und mir Kommentarschlachten mit „Truthern“ in Internetforen geliefert (sinnloses Unterfangen, hätte ich mal lieber für die Schule gelernt!) und in den Kommentaren bei ZON meine ich ein Muster zu erkennen, welches Germanwings und Nineeleven verbindet.

Es geht um die Anschuldigung, dass Ermittler und Medien sich innerhalb von Stunden auf einen Tathergang eingeschossen und alternative Erklärungen ausgeblendet hätten. Wie wir wissen, entwickelten sich bei 9/11 aus diesen latenten Zweifeln und unter dem Vorwand „man wolle ja nur Fragen stellen“ eine Vielzahl von Verschwörungstheorien. Und genau dieses vermeintlich unschuldige Fragenstellen findet sich auch jetzt in der Germanwings-Debatte:

Kommentator Albert Einstein:
Das Gutachten hat einige Fragen aufgeworfen, die man nicht einfach so beiseite legen kann. Man hat sich tatsächlich binnen 48 Stunden auf die These festgelegt, dass das Unglück in suizidaler Absicht herbeigeführt wurde.

Inzwischen habe ich gewisse Zweifel.

Fragen stellen ist schön und gut, aber Antworten liefern ist komplizierter. Und genau liegt das Problem mit der neuen Hypothese von Tim van Beveren. Denn addiert man die Zweifel, die vielleicht in einzelnen Punkten berechtigt sind, zu einer kohärenten Geschichte, bleibt als einzig logische Konsequenz, dass der Absturz nur eine Verkettung unglücklicher Zufälle war. Und die Verkettung ist äußerst unglücklich und damit um ein vielfaches komplizierter als die offizielle Hypothese. Denn damit die Theorie funktioniert, muss man folgende Annahmen machen:

Der Pilot ist zufällig gerade dann nicht im Cockpit, wenn plötzlich Turbulenzen auftreten und kommt nicht mehr zurück in die Kabine, weil die Türverriegelung zufällig in diesem Moment kaputt geht und der Co-Pilot nicht mehr in der Lage ist dem Piloten zu öffnen, weil er vermutlich ohnmächtig geworden ist, aber vor der Ohnmach noch in der Lage war die Flughöhe auf 30 Meter abzusenken (aber ohne Meldung an die Flugsicherung), weil 30 m die sicherste Flughöhe bei Turbulenzen ist, gerade wenn man sich kurz vor dem Alpenhauptkamm befindet (oder aber, die Höhenregulierung ist ebenfalls im ungünstigsten Zeitpunkt kaputt gegangen) und dass der Co-Pilot ein paar Tage vor dem Absturz noch kurz recherchiert wie die Türverriegelung funktioniert (die ja dummerweise kaputt gegangen ist) ist dann halt einer der dümmstmöglichen Zufälle…

Dass der Vater von Andreas Lubitz alles versucht, den guten Namen seines Sohnes zu retten, sei ihm gegönnt, aber woher kommt die Anteilnahme mancher Kommentatoren, die bereitwillig jedes Argument aufgreifen, welches dem Ermittlungsbericht und der Medienberichterstattung widerspricht, selbst wenn die neue Erklärung dem Sparsamkeitsprinzip, auch Ockhams Rassiermesser genannt, völlig entgegenläuft?

  1. Von mehreren möglichen Erklärungen für ein und denselben Sachverhalt ist die einfachste Theorie allen anderen vorzuziehen.
  2. Eine Theorie ist einfach, wenn sie möglichst wenige Variablen und Hypothesen enthält und wenn diese in klaren logischen Beziehungen zueinander stehen, aus denen der zu erklärende Sachverhalt logisch folgt.

Meiner Meinung nach geht es hier nicht mehr um ‚die Wahrheit‘, oder darum Menschen mit psychischen Erkrankungen vor Stigmatisierung zu schützen, oder um berechtigte Zweifel, sondern um latenten Elitenhass – der allgegenwärtige Vorwurf, dass man ‚denen da oben‘ nicht mehr trauen könne und der ‚Lügenpresse‘ sowieso nicht.
Ich sehe zwar nicht, dass sich wie bei 9/11 ein ähnliches Konglomerat an Verschwörungsmüll entwickeln wird (der BND ist halt nicht cool genug), aber ich prophezeie, dass das Gutachten als Beleg für ‚Lügenpresse-Vorwürfe‘ Verwendung finden wird.

Militärtechnik im Museum – Forschungsskizze Masterarbeit

Fragestellung

Seit den 1980er Jahren gab es in Deutschland einen Museumsboom, der zu einer Ausweitung und Professionalisierung des Museumswesens sowie der Museumsforschung führte. Von dieser Entwicklung profitierten auch Technik-, Geschichts- und Militärmuseen; Gelder flossen, Neubauten entstanden, gleichzeitig veränderten sich aber auch Anforderung und Zielgruppen. Äquivalent zu diesem Prozess entwickelte sich auch das neue Forschungsfeld der Museumsanalyse. Die analytische Betrachtung von Museumsausstellungen verspricht, gesellschaftliche Verhältnisse wie mit einer Lupe betrachten zu können. In Ausstellungen manifestiert sich der Zeitgeist und ist aufgrund der notwendigen Simplifizierung leicht ablesbar.

Der deutschen Geschichte entsprechend, zog gerade die Frage nach dem gesellschaftlichen Umgang mit dem Thema ‚Krieg‘ und die Veränderungsprozesse das Interesse auf sich. Teil dieser Frage ist auch, welche Rolle militärtechnische Objekte in den Ausstellungen einnehmen. Für die Zeit bis zum Jahr 1999 kam Eva Zwach in ihrer Dissertation zu dem Schluss, dass die militärtechnische Objekte den Kern der Ausstellungen bilde.1 Elf Jahre später wiederum konstatiert Thomas Thiemeyer, dass Militärtechnik zumindest in historischen Museen an Bedeutung verloren hat, Denn die reine Ansammlung und das Abstellen von Großgerät in Lagerhallen wurde als museumsdidaktisch veraltet angesehen, sodass sich die Ausstellungsgestaltung etwa im Militärhistorischen Museum der Bundeswehr in Dresden weg von der reinen Objekt- hin zu einer Konzeptausstellung veränderte. Einzig Technikmuseen würden noch eine Sonderrolle einnehmen.2

Gleichzeitig scheint es aber dennoch ein gesellschaftliches Interesse an (militärischen) Technikschauen zu geben – das Panzermuseum Munster verzeichnete im Jahr 2013 über 100.000 Besucher und im Deutschen Technikmuseum Berlin wurde 2005 eine neue Dauerausstellung zur Luft- und Raumfahrt eröffnet, welche eine Vielzahl militärischer Flugzeuge als Exponate beherbergt, die teilweise mit viel Geldaufwand geborgen und restauriert wurden. Diese Diskrepanz zwischen Marginalisierung auf der einen sowie Relevanz auf der anderen Seite wirft die Frage auf, warum sich in Technikmuseen bis dato ein ‚Reservat für Militärtechnik‘ bewahren konnte.

Daher möchte diese Arbeit am Fallbeispiel des Deutschen Technikmuseums untersuchen, welche Bedeutungen und Funktionen militärische Großgeräte im Museum einnehmen. Von besonderem Interesse ist hier die Dreiecksbeziehung zwischen Mensch – Technik – Krieg: In welche Narrative werden die Dinge eingebunden, welche Bedeutungen werden konstruiert, was wird gezeigt und warum?

Methodik

Untersucht werden die beiden Dauerausstellungen zur Geschichte der Schifffahrt sowie die Luft- und Raumfahrt im Deutschen Technikmuseum Berlin, wobei die Ergebnisse auch punktuell mit anderen Ausstellungen kontrastiert werden sollen, ohne das diese Ausstellungen ähnlich systematisch untersucht werden. Der Ausarbeitung einer theoretischen Basis zur Funktion von Dingen kommt dabei besonderes Gewicht zu. Denn obwohl sich die Museumsanalyse als Forschungsfeld einer wachsenden Beliebtheit erfreut, ist die Theorie und Methodik aufgrund des interdisziplinären Charakters bisher noch sehr diffus.3 Dies hat zur Folge, dass bisherige Untersuchungen von Ausstellungen eher Deskriptionen des Ist-Zustandes einer Ausstellung und der Empfindungen des Wissenschaftlers als tatsächliche (mögliche) Lösungen eines übergeordneten wissenschaftlichen Problems sind.4

Die Arbeit soll also auf drei Säulen ruhen. Zum einen muss eine theoretische und methodische Basis des aktuellen Forschungsstandes der Museumsanalyse und der Ding-Theorien erarbeitet werden. Darauf folgt eine museumsanalytische Untersuchung der erwähnten Ausstellungen im Deutschen Technikmuseum Berlin, um herauszufinden, welche militärtechnischen Objekte, wie und warum ausgestellt werden. Hat Militärtechnik einen inhärenten kulturgeschichtlichen Wert oder bedient die Darstellung nur die niederen Gelüste nach Unterhaltung, eine These, welche Eva Zwach vertritt? „Hier reduziert sich der Krieg auf seinen Unterhaltungswert und seine naturwissenschaftlichen Komponenten, indem technische Daten von Waffen miteinander verglichen werden […] Auf diese Weise sind die Waffen für eine hemmungslose Technikfaszination entblößt“5

Die Ergebnisse der Analyse werden dann zuletzt in den Kontext der Geschichte des Deutschen Technikmuseums eingebunden. Welche Kontinuitäten und Unterschiede der Darstellung lassen sich feststellen? Interessant ist hier auch die angesprochene Kontrastierung mit anderen Ausstellungen um herauszufinden, worin sich die Darstellungart und Ziele in Technikmuseen von historischen Museen unterscheidet.

Eva Zwach, Deutsche und Englische Militärmuseen im 20. Jahrhundert. Eine kulturgeschichtliche Analyse des gesellschaftlichen Umgangs mit Krieg, Münster 1999, S. 307
Thomas Thiemeyer, Waffen und Weltkriege im Museum. Wie sich die museale Darstellung der beiden Weltkriege und der Umgang mit Militaria gewandelt haben, in: Militärgeschichtliche Zeitschrift, Bd. 69 (2010), S. 1–16, hier S. 12–13
Joachim Baur, Museumsanalyse. Zur Einführung, in: ders., Museumsanalyse. Methoden und Konturen eines neuen Forschungsfeldes, Bielefeld, S. 7–14, hier S. 7
Dies wäre etwa mein Kritikpunkt an die Arbeit von Susanne Claußen:Susanne Claußen, Anschauungssache Religion. Zur musealen Repräsentation religiöser Artefakte, Bielefeld 2009
Zwach, Deutsche und Englische Militärmuseen im 20. Jahrhundert, S. 308