Bedingungsloses Grundeinkommen: Top oder Flop?

Auf ZEIT-Online gibt es wieder mal einen Artikel über das „Bedingungslose Grundeinkommen“ – BGE – und es wird in den Kommentaren wieder mal entsprechend kontrovers diskutiert. Ich persönlich stehe mit meiner Meinung noch auf der Kippe – ich sehe die Vorteile, aber auch die Nachteile, daher würden mich weitere Meinungen, nämlich eure, interessieren.

Wer vom BGE noch nichts gehört hat, hier erstmal eine kurze Zusammenfassung der Inhalte und der Debatte:

Den Befürwortern des BGE schwebt eine komplette Umgestaltung des Steuersystems und des Sozialstaates vor. Statt Sozialhilfe, BAFÖG, Rente, Wohngeld usw. usw. würde jeder Bürger des Landes einen bestimmten Betrag ausgezahlt bekommen – meist wird von ~ 1000 € gesprochen, aber die geforderte Höhe schwankt je nach politischer Ausrichtung. Die Befürworter begründen die Forderung damit, dass im Zuge der Digitalisierung und Automatisierung etliche etablierte Berufsfelder wegfallen werden – schon heute wäre etwa die Arbeit als Kassierer/Kassiererin im Einzelhandel durch automatische Bezahlstationen zu 100% substituierbar.
Daher befürchten sie eine Zunahme schlecht bezahlter Hilfsjobs, wie Paketzusteller, oder gar Massenarbeitslosigkeit mit folgender Verarmung und ‚Lohnsklaverei‘. Mit einem BGE könnte die Verarmungstendenz aufgehalten werden und die Menschen frei sein, ihren wahren Leidenschaften zu folgen, statt in schlecht bezahlten Jobs zu versumpfen. Bezahlt würde das BGE durch Einsparungen in der Bürokratie und hohen Steuern auf Einkommen sowie die Arbeitsleistung der Roboter in den Fabriken.

Aber gerade die Bezahlbarkeit des BGE bezweifeln die Kritiker. Man spricht hier nämlich von Ausgaben in der Höhe von ~ 1 Billionen Euro. Und selbst wenn es bezahlbar wäre, basiert es auf der Annahme, dass die Menschen auch weiterhin arbeiten würden. Auch das wird bezweifelt, denn wer würde dann noch als ‚Entsorgungs-/Pflege-/Sonstwas-Fachkraft arbeiten? Diese Jobs sind schlecht bezahlt und anstrengend. Ergo würden sich fast alle auf die faule Haut legen und unsere Wirtschaft und direkt danach die Gesellschaft zusammenbrechen.

Beach Crowd

Das Horrorszenario der Kritiker: Alle fahren nach Hiddensee zum Baden und keiner bringt den Müll weg ©Shane Burkhardt, Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0/,

Wie eingangs gesagt, ich bin in meiner Meinung noch nicht so ganz gefestigt.

Den Kritikern gebe ich Recht, dass die großen Profiteure diejenigen wären, welche kreativ arbeiten (wollen) – also Leute wie ich, die Militärgeschichte und sonstige brotlose Kunst studieren: Ich würde mich mit einem BGE in einer Stadt mit relativ günstigen Mieten und einer Universitätsbibliothek niederlassen, einen Teilzeitjob annehmen (gerne auch Müllmann) und mich ansonsten meinen Studien der Artillerie des 19. Jahrhunderts widmen. Aber wer würde noch die Anstrengung einer Ausbildung zum Arzt auf sich nehmen, wenn ich am Ende vom BGE nichts habe, da es bei höheren Einkommen wegversteuert werden soll; man also durch eine gute Ausbildung 1000€ ‚verschenken‘ würde?
Leistung würde sich nicht lohnen und dass Wirtschaftsysteme Anreize bieten müssen, damit Leistung erbracht wird, wissen wir seit dem Ende des Kommunismus.

Auch stimme ich zu, dass ein BGE höchst disruptiv wirken würde. Bisher schlecht bezahlte Jobs, die nicht durch Maschinen ersetzt werden können, müssten besser bezahlt werden, aber nachdem es sich dabei meist um Dienstleistungen handelt, die teurer werden würden, wer könnte sich diese dann noch leisten? Würde ein BGE am Ende nicht doch bedeuten, dass alles teurer werden würde, man defacto mit BGE nur am Existenzminimum lebt und doch wieder einen ‚miesen‘ Job annehmen muss? Sich also doch nichts ändert?

Gleichzeitig sehe ich aber auch die Argumente der Befürworter. Digitalisierung und Automatisierung werden den Arbeitsmarkt verändern und wenn wir nicht wollen, dass Teile der Bevölkerung abgehängt werden, braucht es neue Ideen für unsere Sozialsysteme.

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