Der Master of Arts

Eine zeitgenössische Anpassung von Goethes Erlkönig, umgeschrieben von mir. Wer wert auf Sinn oder gar korrekte Jamben legt, ist hier falsch.

Wer arbeitet so spät bei Nacht und Wind?
Es ist der Student mit seinem Kind;
er schreibt die Arbeit wohl mit dem Arm,
er schreibt sicher, hält seine Ideen warm.

Mein Sohn, was schreibst du so eifrig bei diesem Licht?
Kennst, Vater, du die Chancen des Master of Arts nicht?
Den Master mit Einskommanull?
Mein Sohn, es ist kein Hoffnungsstreif!

„Du schlauer Student, komm, geh mit mir!
Gar schöne Projekte mach‘ ich mit dir;
Manch tolle Jobs gibt’s in diesem Land
Du verdienst dir ein gülden Gewand.“

Mein Vater, mein Vater, hörest du nicht,
was der Master of Arts mir leise verspricht?
Sei ruhig, bleibe ruhig, mein Kind;
Auf dem dürren Arbeitsmarkt säuselt der Wind.

„Willst, feiner Student, du mit mir gehen?
die Alumnis sollen dich warten schön;
Die Alumnis führen den nächtlichen Reihn
Und wiegen und tanzen und singen dich ein.“

Mein Vater, mein Vater, aber siehst du nicht dort
Die erfolgreichen Alumnis am Studienort?
Mein Sohn, mein Sohn, ich seh‘ es genau:
Es scheinen die alten Professoren so schlau.

„Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt.
Und bist du nicht willig so brauch‘ ich Gewalt“
Mein Vater, mein Vater, jetzt sitze ich in einem Kran,
der Master of Arts hat mir ein Leids getan!

Dem Vater grauset’s; er fährt geschwind,
er hält in Armen das arbeitslose Kind,
Erreicht die Technische Fakultät mit Mühe und Not;
Doch in seinen Armen der Student war tot.

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Wir sind uns biologisch so ähnlich und doch denkt Jeder für sich alleine

Oliver Gabath hat auf den Scienceblogs eine interessante Beobachtung gemacht – der Anteil von Ingenieuren an den sogenannten ‚Cranks‘ – Menschen, die glauben ganz alleine in den grundlegenen Theorien der modernen Naturwissenschaften (zb. Relativitätstheorie) Fehler entdeckt und korrigiert zu haben – ist gefühlt höher als der Anteil anderer Berufsgruppen. Er stellt die These auf, dass Ingenieure zwar eine ähnliche naturwissenschaftliche Ausbildung wie Physiker haben, aber am Ende doch gelernt haben, anders zu denken und deswegen anfällig für das Cranktum sind:

http://scienceblogs.de/quovadis/2017/07/06/cranks-warum-gerade-ingenieure/

Ich finde die These, dass es an einer anderen Art zu denken liegt, spannend und denke, dass das auch auf andere Bereiche ausgedehnt werden kann, um zu erklären, warum manchmal zwei Menschen den selben Sachverhalt völlig unterschiedlich interpretieren.

Mir fällt das zum Beispiel auf, wenn ich mit Verschwörungstheoretikern diskutiere – die selben Fakten, aber am Ende kommen zwei völlig verschiedene Weltanschauungen dabei heraus. Und ich habe nicht den Eindruck, dass die Menschen mit denen ich streite irgendwie ‚dümmer‘ sind als ich.
Am Ende neigen wir meistens dazu, den Anderen, der nicht verstehen will (oder kann) als ‚geistig gestört‘ abzutun – aber nein, es sind ’normale‘ Menschen, sie denken einfach nur anders.

Wir Menschen gehen wohl unbewusst davon aus, dass der Andere, weil er dieselbe Biologie hat, auch ähnlich denken muss wie man selbst – aber das ist vielleicht gar nicht der Fall. Abhängig von den Erfahrungen, die wir gemacht und die Probleme die wir gelöst haben, entwickeln wir wohl unterschiedliche ‚Denkstrategien‘.

Ein Metzgermeister hat andere Probleme und muss daher anders denken als ein Geisteswissenschaftler, dieser wiederum denkt anders als ein Ingenier, der anders als ein Physiker, usw.
Und deswegen bleibt das, was für den Einen logisch erscheint, für den anderen unverständliches Blabla.

Claude Lèvi-Strauss hat in seinem Buch „Das wilde Denken“ etwas ähnliches geschrieben. Es gibt zwei Erkenntnissysteme – das (mythische) ‚wilde Denken‘ der naturnahen Völker und das westlich geprägte, abstrahierende ‚wissenschaftliche Denken‘. Beide Erkenntissysteme unterscheiden sich in ihrer Herangehensweise, sind aber gleichwertig und Audruck des selben Bestrebens des Menschen seine Umwelt zu verstehen und zu ordnen.

Also; je nach Kultur, Sozialisation, Erfahrungen und Problemen mit denen wir konfrontiert sind, entwickelt der Mensch sein eigenes ‚Denksystem‘. Da kein Mensch exakt den selben Lebensweg teilt, wird auch niemals ein anderer Mensch die Welt genauso wahrnehmen und genauso ‚denken‘ wie wir selbst.

Eigentlich ein trauriger Gedanke. Wir sind uns alle biologisch so ähnlich und doch unfähig das Denken des Anderen zu verstehen. Jeder ist in seinem Denken; in seiner Konstruktion der Welt gefangen und dort völlig alleine.