Der Master of Arts

Eine zeitgenössische Anpassung von Goethes Erlkönig, umgeschrieben von mir. Wer wert auf Sinn oder gar korrekte Jamben legt, ist hier falsch.

Wer arbeitet so spät bei Nacht und Wind?
Es ist der Student mit seinem Kind;
er schreibt die Arbeit wohl mit dem Arm,
er schreibt sicher, hält seine Ideen warm.

Mein Sohn, was schreibst du so eifrig bei diesem Licht?
Kennst, Vater, du die Chancen des Master of Arts nicht?
Den Master mit Einskommanull?
Mein Sohn, es ist kein Hoffnungsstreif!

„Du schlauer Student, komm, geh mit mir!
Gar schöne Projekte mach‘ ich mit dir;
Manch tolle Jobs gibt’s in diesem Land
Du verdienst dir ein gülden Gewand.“

Mein Vater, mein Vater, hörest du nicht,
was der Master of Arts mir leise verspricht?
Sei ruhig, bleibe ruhig, mein Kind;
Auf dem dürren Arbeitsmarkt säuselt der Wind.

„Willst, feiner Student, du mit mir gehen?
die Alumnis sollen dich warten schön;
Die Alumnis führen den nächtlichen Reihn
Und wiegen und tanzen und singen dich ein.“

Mein Vater, mein Vater, aber siehst du nicht dort
Die erfolgreichen Alumnis am Studienort?
Mein Sohn, mein Sohn, ich seh‘ es genau:
Es scheinen die alten Professoren so schlau.

„Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt.
Und bist du nicht willig so brauch‘ ich Gewalt“
Mein Vater, mein Vater, jetzt sitze ich in einem Kran,
der Master of Arts hat mir ein Leids getan!

Dem Vater grauset’s; er fährt geschwind,
er hält in Armen das arbeitslose Kind,
Erreicht die Technische Fakultät mit Mühe und Not;
Doch in seinen Armen der Student war tot.

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