Das schizophrene Verhältnis der Deutschen zur Schönheit

Gerade wieder die Serie „Deutschland von Oben“ auf Phönix gesehen. An sich eine schöne Serie, aber die Macher haben ein ziemlich gespaltenes Verhältnis zur Schönheit.

Sie zeigen die Krämerbrücke in Erfurt, fliegen über Marktplätze von Wimpfen und Dinkelsbühl, inszenieren die Altstadtidylle, nutzen sie, um zu zeigen, wie schön Deutschland ist – nur um dann zu kommentieren: „Dinkelsbühl sieht aus, wie frisch aus dem Spielzeugladen“ und „Das könnte so auch auf einer Modelleisenbahnanlage stehen.“

Was soll das? Sind idyllische Stadtbilder nur was für Kinder und ‚kindische‘ Erwachsene?

Ochsenfurt

Fachwerk in Ochsenfurt – CC

Der Kommentare ist keine Einzelmeinung, sondern spiegelt das wieder, was täglich in Politik und Medien über Schönheit gesprochen wird. Vor kurzem wurde die wiederaufgebaute Frankfurter Altstadt eröffnet. Menschen strömen in Scharen hinein und sagen an jeder Ecke, wie schön es ist. Es zeichnet sich ab, dass die Altstadt ein riesen Erfolg wird, aber was sagt die Politik? „Jetzt reicht’s erstmal. Schluss mit Rekonstruktionen! Wir bauen wieder zeitgenössisch.“ Es ist egal, dass der Wiederaufbau ein Erfolg ist. Es ist egal, dass es den Menschen gefällt. In den Medien dasselbe Bild: Man spricht von Disneyland, Zuckerbäckerstil und Kulissen.

Zugegeben, Rekonstruktionen fehlt die historische Authentizität, aber warum werden dann auch authentische Idylle, wie die gezeigten Erfurt und Dinkelsbühl, begrifflich abgewertet? Haben wir es schon so verinnerlicht, dass alles was schön ist, irgendwie schlecht, kindisch-naiv sein muss? Dass nur Hässlichkeit authentisch und damit in Ordnung ist? Warum können wir nicht einfach zu etwas stehen und sagen: „Ja, das gefällt mir“?

Dies ist unser perverses Verhältnis zur Schönheit. Wir lieben Schönheit und Idylle, aber gleichzeitig wirken in uns Kräfte (soziale-konstruierte Narrative?), die uns in die andere Richtung zerren, die uns dazu zwingen, dass wenn uns etwas gefällt, dies gleichzeitig abzuwerten, um unser Gesicht als „moderner und erwachsener Mensch“ zu wahren. Aber was ist falsch daran, dass Schöne und Idyllische zu mögen? Ist man wirklich ‚kindisch‘, wenn man sich nicht mehr mit der gebauten Hässlichkeit deutscher Städte abfinden möchte?

Wie auch immer, dass schizophrene Verhältnis der Deutschen zur Schönheit erinnert an das Flirtverhalten verschämter 13-jährige Teenager. Man entdeckt in sich das verwirrende Gefühl, dass Jungs und Mädchen doch nicht so blöd sind, wie man in der Grundschule noch fest geglaubt hat. Erste zarte Anbahn-Versuche werden von den Freunden mit höhnischem „DUU MAAAGGST SIEE!!! HAHAHAH!!“  verlacht und um sein Gesicht zu wahren, verleugnet man sich selbst und rudert schnell zurück: „Stimmt doch gar nicht! Sie ist voll doof! Halts Maul!“.

Ja, dies ist das Kulturniveau, auf dem wir uns in Deutschland aktuell bewegen.

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