Wir sind uns biologisch so ähnlich und doch denkt Jeder für sich alleine

Oliver Gabath hat auf den Scienceblogs eine interessante Beobachtung gemacht – der Anteil von Ingenieuren an den sogenannten ‚Cranks‘ – Menschen, die glauben ganz alleine in den grundlegenen Theorien der modernen Naturwissenschaften (zb. Relativitätstheorie) Fehler entdeckt und korrigiert zu haben – ist gefühlt höher als der Anteil anderer Berufsgruppen. Er stellt die These auf, dass Ingenieure zwar eine ähnliche naturwissenschaftliche Ausbildung wie Physiker haben, aber am Ende doch gelernt haben, anders zu denken und deswegen anfällig für das Cranktum sind:

http://scienceblogs.de/quovadis/2017/07/06/cranks-warum-gerade-ingenieure/

Ich finde die These, dass es an einer anderen Art zu denken liegt, spannend und denke, dass das auch auf andere Bereiche ausgedehnt werden kann, um zu erklären, warum manchmal zwei Menschen den selben Sachverhalt völlig unterschiedlich interpretieren.

Mir fällt das zum Beispiel auf, wenn ich mit Verschwörungstheoretikern diskutiere – die selben Fakten, aber am Ende kommen zwei völlig verschiedene Weltanschauungen dabei heraus. Und ich habe nicht den Eindruck, dass die Menschen mit denen ich streite irgendwie ‚dümmer‘ sind als ich.
Am Ende neigen wir meistens dazu, den Anderen, der nicht verstehen will (oder kann) als ‚geistig gestört‘ abzutun – aber nein, es sind ’normale‘ Menschen, sie denken einfach nur anders.

Wir Menschen gehen wohl unbewusst davon aus, dass der Andere, weil er dieselbe Biologie hat, auch ähnlich denken muss wie man selbst – aber das ist vielleicht gar nicht der Fall. Abhängig von den Erfahrungen, die wir gemacht und die Probleme die wir gelöst haben, entwickeln wir wohl unterschiedliche ‚Denkstrategien‘.

Ein Metzgermeister hat andere Probleme und muss daher anders denken als ein Geisteswissenschaftler, dieser wiederum denkt anders als ein Ingenier, der anders als ein Physiker, usw.
Und deswegen bleibt das, was für den Einen logisch erscheint, für den anderen unverständliches Blabla.

Claude Lèvi-Strauss hat in seinem Buch „Das wilde Denken“ etwas ähnliches geschrieben. Es gibt zwei Erkenntnissysteme – das (mythische) ‚wilde Denken‘ der naturnahen Völker und das westlich geprägte, abstrahierende ‚wissenschaftliche Denken‘. Beide Erkenntissysteme unterscheiden sich in ihrer Herangehensweise, sind aber gleichwertig und Audruck des selben Bestrebens des Menschen seine Umwelt zu verstehen und zu ordnen.

Also; je nach Kultur, Sozialisation, Erfahrungen und Problemen mit denen wir konfrontiert sind, entwickelt der Mensch sein eigenes ‚Denksystem‘. Da kein Mensch exakt den selben Lebensweg teilt, wird auch niemals ein anderer Mensch die Welt genauso wahrnehmen und genauso ‚denken‘ wie wir selbst.

Eigentlich ein trauriger Gedanke. Wir sind uns alle biologisch so ähnlich und doch unfähig das Denken des Anderen zu verstehen. Jeder ist in seinem Denken; in seiner Konstruktion der Welt gefangen und dort völlig alleine.

Bedingungsloses Grundeinkommen: Top oder Flop?

Auf ZEIT-Online gibt es wieder mal einen Artikel über das „Bedingungslose Grundeinkommen“ – BGE – und es wird in den Kommentaren wieder mal entsprechend kontrovers diskutiert. Ich persönlich stehe mit meiner Meinung noch auf der Kippe – ich sehe die Vorteile, aber auch die Nachteile, daher würden mich weitere Meinungen, nämlich eure, interessieren.

Wer vom BGE noch nichts gehört hat, hier erstmal eine kurze Zusammenfassung der Inhalte und der Debatte:

Den Befürwortern des BGE schwebt eine komplette Umgestaltung des Steuersystems und des Sozialstaates vor. Statt Sozialhilfe, BAFÖG, Rente, Wohngeld usw. usw. würde jeder Bürger des Landes einen bestimmten Betrag ausgezahlt bekommen – meist wird von ~ 1000 € gesprochen, aber die geforderte Höhe schwankt je nach politischer Ausrichtung. Die Befürworter begründen die Forderung damit, dass im Zuge der Digitalisierung und Automatisierung etliche etablierte Berufsfelder wegfallen werden – schon heute wäre etwa die Arbeit als Kassierer/Kassiererin im Einzelhandel durch automatische Bezahlstationen zu 100% substituierbar.
Daher befürchten sie eine Zunahme schlecht bezahlter Hilfsjobs, wie Paketzusteller, oder gar Massenarbeitslosigkeit mit folgender Verarmung und ‚Lohnsklaverei‘. Mit einem BGE könnte die Verarmungstendenz aufgehalten werden und die Menschen frei sein, ihren wahren Leidenschaften zu folgen, statt in schlecht bezahlten Jobs zu versumpfen. Bezahlt würde das BGE durch Einsparungen in der Bürokratie und hohen Steuern auf Einkommen sowie die Arbeitsleistung der Roboter in den Fabriken.

Aber gerade die Bezahlbarkeit des BGE bezweifeln die Kritiker. Man spricht hier nämlich von Ausgaben in der Höhe von ~ 1 Billionen Euro. Und selbst wenn es bezahlbar wäre, basiert es auf der Annahme, dass die Menschen auch weiterhin arbeiten würden. Auch das wird bezweifelt, denn wer würde dann noch als ‚Entsorgungs-/Pflege-/Sonstwas-Fachkraft arbeiten? Diese Jobs sind schlecht bezahlt und anstrengend. Ergo würden sich fast alle auf die faule Haut legen und unsere Wirtschaft und direkt danach die Gesellschaft zusammenbrechen.

Beach Crowd

Das Horrorszenario der Kritiker: Alle fahren nach Hiddensee zum Baden und keiner bringt den Müll weg ©Shane Burkhardt, Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0/,

Wie eingangs gesagt, ich bin in meiner Meinung noch nicht so ganz gefestigt.

Den Kritikern gebe ich Recht, dass die großen Profiteure diejenigen wären, welche kreativ arbeiten (wollen) – also Leute wie ich, die Militärgeschichte und sonstige brotlose Kunst studieren: Ich würde mich mit einem BGE in einer Stadt mit relativ günstigen Mieten und einer Universitätsbibliothek niederlassen, einen Teilzeitjob annehmen (gerne auch Müllmann) und mich ansonsten meinen Studien der Artillerie des 19. Jahrhunderts widmen. Aber wer würde noch die Anstrengung einer Ausbildung zum Arzt auf sich nehmen, wenn ich am Ende vom BGE nichts habe, da es bei höheren Einkommen wegversteuert werden soll; man also durch eine gute Ausbildung 1000€ ‚verschenken‘ würde?
Leistung würde sich nicht lohnen und dass Wirtschaftsysteme Anreize bieten müssen, damit Leistung erbracht wird, wissen wir seit dem Ende des Kommunismus.

Auch stimme ich zu, dass ein BGE höchst disruptiv wirken würde. Bisher schlecht bezahlte Jobs, die nicht durch Maschinen ersetzt werden können, müssten besser bezahlt werden, aber nachdem es sich dabei meist um Dienstleistungen handelt, die teurer werden würden, wer könnte sich diese dann noch leisten? Würde ein BGE am Ende nicht doch bedeuten, dass alles teurer werden würde, man defacto mit BGE nur am Existenzminimum lebt und doch wieder einen ‚miesen‘ Job annehmen muss? Sich also doch nichts ändert?

Gleichzeitig sehe ich aber auch die Argumente der Befürworter. Digitalisierung und Automatisierung werden den Arbeitsmarkt verändern und wenn wir nicht wollen, dass Teile der Bevölkerung abgehängt werden, braucht es neue Ideen für unsere Sozialsysteme.

Germanwings und Nineeleven

Vielleicht habt ihr es mitbekommen, aber vor ein paar Tagen hat der Vater des Piloten Andreas Lubitz, der vor zwei Jahren die Germanwings-Maschine in den französischen Alpen hat abstürzen lassen, ein Gutachten vorgelegt, welches beweisen sollte, dass es eben keine Absicht war, sondern ein Unfall. Naja, also bewiesen wird nichts, es werden nur Zweifel an Details im Ermittlungsbericht geschürt:

Van Beveren glaubt nicht an einen Suizid als Auslöser des Absturzes. Eine mögliche Ursache der Katastrophe sieht der Gutachter vielmehr in einer besonderen Wetterlage, möglicherweise kombiniert mit technischen Mängeln

Aber die Hintergründe und die Kernaussagen des neuen Gutachtens könnt ihr auf Zeit Online nachlesen, denn um die echten und vermeintlichen Fakten geht es mir hier nicht, sondern um die Debatte, die sich im Kommentarbereich entfaltet.

Denn interessant an der Geschichte ist schon lange nicht mehr die Ursache des Absturzes, sondern was daraus gemacht wird. In meiner Jugend habe ich mich viel mit den diversen Verschwörungstheorien um 9/11 beschäftigt und mir Kommentarschlachten mit „Truthern“ in Internetforen geliefert (sinnloses Unterfangen, hätte ich mal lieber für die Schule gelernt!) und in den Kommentaren bei ZON meine ich ein Muster zu erkennen, welches Germanwings und Nineeleven verbindet.

Es geht um die Anschuldigung, dass Ermittler und Medien sich innerhalb von Stunden auf einen Tathergang eingeschossen und alternative Erklärungen ausgeblendet hätten. Wie wir wissen, entwickelten sich bei 9/11 aus diesen latenten Zweifeln und unter dem Vorwand „man wolle ja nur Fragen stellen“ eine Vielzahl von Verschwörungstheorien. Und genau dieses vermeintlich unschuldige Fragenstellen findet sich auch jetzt in der Germanwings-Debatte:

Kommentator Albert Einstein:
Das Gutachten hat einige Fragen aufgeworfen, die man nicht einfach so beiseite legen kann. Man hat sich tatsächlich binnen 48 Stunden auf die These festgelegt, dass das Unglück in suizidaler Absicht herbeigeführt wurde.

Inzwischen habe ich gewisse Zweifel.

Fragen stellen ist schön und gut, aber Antworten liefern ist komplizierter. Und genau liegt das Problem mit der neuen Hypothese von Tim van Beveren. Denn addiert man die Zweifel, die vielleicht in einzelnen Punkten berechtigt sind, zu einer kohärenten Geschichte, bleibt als einzig logische Konsequenz, dass der Absturz nur eine Verkettung unglücklicher Zufälle war. Und die Verkettung ist äußerst unglücklich und damit um ein vielfaches komplizierter als die offizielle Hypothese. Denn damit die Theorie funktioniert, muss man folgende Annahmen machen:

Der Pilot ist zufällig gerade dann nicht im Cockpit, wenn plötzlich Turbulenzen auftreten und kommt nicht mehr zurück in die Kabine, weil die Türverriegelung zufällig in diesem Moment kaputt geht und der Co-Pilot nicht mehr in der Lage ist dem Piloten zu öffnen, weil er vermutlich ohnmächtig geworden ist, aber vor der Ohnmach noch in der Lage war die Flughöhe auf 30 Meter abzusenken (aber ohne Meldung an die Flugsicherung), weil 30 m die sicherste Flughöhe bei Turbulenzen ist, gerade wenn man sich kurz vor dem Alpenhauptkamm befindet (oder aber, die Höhenregulierung ist ebenfalls im ungünstigsten Zeitpunkt kaputt gegangen) und dass der Co-Pilot ein paar Tage vor dem Absturz noch kurz recherchiert wie die Türverriegelung funktioniert (die ja dummerweise kaputt gegangen ist) ist dann halt einer der dümmstmöglichen Zufälle…

Dass der Vater von Andreas Lubitz alles versucht, den guten Namen seines Sohnes zu retten, sei ihm gegönnt, aber woher kommt die Anteilnahme mancher Kommentatoren, die bereitwillig jedes Argument aufgreifen, welches dem Ermittlungsbericht und der Medienberichterstattung widerspricht, selbst wenn die neue Erklärung dem Sparsamkeitsprinzip, auch Ockhams Rassiermesser genannt, völlig entgegenläuft?

  1. Von mehreren möglichen Erklärungen für ein und denselben Sachverhalt ist die einfachste Theorie allen anderen vorzuziehen.
  2. Eine Theorie ist einfach, wenn sie möglichst wenige Variablen und Hypothesen enthält und wenn diese in klaren logischen Beziehungen zueinander stehen, aus denen der zu erklärende Sachverhalt logisch folgt.

Meiner Meinung nach geht es hier nicht mehr um ‚die Wahrheit‘, oder darum Menschen mit psychischen Erkrankungen vor Stigmatisierung zu schützen, oder um berechtigte Zweifel, sondern um latenten Elitenhass – der allgegenwärtige Vorwurf, dass man ‚denen da oben‘ nicht mehr trauen könne und der ‚Lügenpresse‘ sowieso nicht.
Ich sehe zwar nicht, dass sich wie bei 9/11 ein ähnliches Konglomerat an Verschwörungsmüll entwickeln wird (der BND ist halt nicht cool genug), aber ich prophezeie, dass das Gutachten als Beleg für ‚Lügenpresse-Vorwürfe‘ Verwendung finden wird.

Militärtechnik im Museum – Forschungsskizze Masterarbeit

Fragestellung

Seit den 1980er Jahren gab es in Deutschland einen Museumsboom, der zu einer Ausweitung und Professionalisierung des Museumswesens sowie der Museumsforschung führte. Von dieser Entwicklung profitierten auch Technik-, Geschichts- und Militärmuseen; Gelder flossen, Neubauten entstanden, gleichzeitig veränderten sich aber auch Anforderung und Zielgruppen. Äquivalent zu diesem Prozess entwickelte sich auch das neue Forschungsfeld der Museumsanalyse. Die analytische Betrachtung von Museumsausstellungen verspricht, gesellschaftliche Verhältnisse wie mit einer Lupe betrachten zu können. In Ausstellungen manifestiert sich der Zeitgeist und ist aufgrund der notwendigen Simplifizierung leicht ablesbar.

Der deutschen Geschichte entsprechend, zog gerade die Frage nach dem gesellschaftlichen Umgang mit dem Thema ‚Krieg‘ und die Veränderungsprozesse das Interesse auf sich. Teil dieser Frage ist auch, welche Rolle militärtechnische Objekte in den Ausstellungen einnehmen. Für die Zeit bis zum Jahr 1999 kam Eva Zwach in ihrer Dissertation zu dem Schluss, dass die militärtechnische Objekte den Kern der Ausstellungen bilde.1 Elf Jahre später wiederum konstatiert Thomas Thiemeyer, dass Militärtechnik zumindest in historischen Museen an Bedeutung verloren hat, Denn die reine Ansammlung und das Abstellen von Großgerät in Lagerhallen wurde als museumsdidaktisch veraltet angesehen, sodass sich die Ausstellungsgestaltung etwa im Militärhistorischen Museum der Bundeswehr in Dresden weg von der reinen Objekt- hin zu einer Konzeptausstellung veränderte. Einzig Technikmuseen würden noch eine Sonderrolle einnehmen.2

Gleichzeitig scheint es aber dennoch ein gesellschaftliches Interesse an (militärischen) Technikschauen zu geben – das Panzermuseum Munster verzeichnete im Jahr 2013 über 100.000 Besucher und im Deutschen Technikmuseum Berlin wurde 2005 eine neue Dauerausstellung zur Luft- und Raumfahrt eröffnet, welche eine Vielzahl militärischer Flugzeuge als Exponate beherbergt, die teilweise mit viel Geldaufwand geborgen und restauriert wurden. Diese Diskrepanz zwischen Marginalisierung auf der einen sowie Relevanz auf der anderen Seite wirft die Frage auf, warum sich in Technikmuseen bis dato ein ‚Reservat für Militärtechnik‘ bewahren konnte.

Daher möchte diese Arbeit am Fallbeispiel des Deutschen Technikmuseums untersuchen, welche Bedeutungen und Funktionen militärische Großgeräte im Museum einnehmen. Von besonderem Interesse ist hier die Dreiecksbeziehung zwischen Mensch – Technik – Krieg: In welche Narrative werden die Dinge eingebunden, welche Bedeutungen werden konstruiert, was wird gezeigt und warum?

Methodik

Untersucht werden die beiden Dauerausstellungen zur Geschichte der Schifffahrt sowie die Luft- und Raumfahrt im Deutschen Technikmuseum Berlin, wobei die Ergebnisse auch punktuell mit anderen Ausstellungen kontrastiert werden sollen, ohne das diese Ausstellungen ähnlich systematisch untersucht werden. Der Ausarbeitung einer theoretischen Basis zur Funktion von Dingen kommt dabei besonderes Gewicht zu. Denn obwohl sich die Museumsanalyse als Forschungsfeld einer wachsenden Beliebtheit erfreut, ist die Theorie und Methodik aufgrund des interdisziplinären Charakters bisher noch sehr diffus.3 Dies hat zur Folge, dass bisherige Untersuchungen von Ausstellungen eher Deskriptionen des Ist-Zustandes einer Ausstellung und der Empfindungen des Wissenschaftlers als tatsächliche (mögliche) Lösungen eines übergeordneten wissenschaftlichen Problems sind.4

Die Arbeit soll also auf drei Säulen ruhen. Zum einen muss eine theoretische und methodische Basis des aktuellen Forschungsstandes der Museumsanalyse und der Ding-Theorien erarbeitet werden. Darauf folgt eine museumsanalytische Untersuchung der erwähnten Ausstellungen im Deutschen Technikmuseum Berlin, um herauszufinden, welche militärtechnischen Objekte, wie und warum ausgestellt werden. Hat Militärtechnik einen inhärenten kulturgeschichtlichen Wert oder bedient die Darstellung nur die niederen Gelüste nach Unterhaltung, eine These, welche Eva Zwach vertritt? „Hier reduziert sich der Krieg auf seinen Unterhaltungswert und seine naturwissenschaftlichen Komponenten, indem technische Daten von Waffen miteinander verglichen werden […] Auf diese Weise sind die Waffen für eine hemmungslose Technikfaszination entblößt“5

Die Ergebnisse der Analyse werden dann zuletzt in den Kontext der Geschichte des Deutschen Technikmuseums eingebunden. Welche Kontinuitäten und Unterschiede der Darstellung lassen sich feststellen? Interessant ist hier auch die angesprochene Kontrastierung mit anderen Ausstellungen um herauszufinden, worin sich die Darstellungart und Ziele in Technikmuseen von historischen Museen unterscheidet.

Eva Zwach, Deutsche und Englische Militärmuseen im 20. Jahrhundert. Eine kulturgeschichtliche Analyse des gesellschaftlichen Umgangs mit Krieg, Münster 1999, S. 307
Thomas Thiemeyer, Waffen und Weltkriege im Museum. Wie sich die museale Darstellung der beiden Weltkriege und der Umgang mit Militaria gewandelt haben, in: Militärgeschichtliche Zeitschrift, Bd. 69 (2010), S. 1–16, hier S. 12–13
Joachim Baur, Museumsanalyse. Zur Einführung, in: ders., Museumsanalyse. Methoden und Konturen eines neuen Forschungsfeldes, Bielefeld, S. 7–14, hier S. 7
Dies wäre etwa mein Kritikpunkt an die Arbeit von Susanne Claußen:Susanne Claußen, Anschauungssache Religion. Zur musealen Repräsentation religiöser Artefakte, Bielefeld 2009
Zwach, Deutsche und Englische Militärmuseen im 20. Jahrhundert, S. 308

Ja, ich liebe Deutschland!

Ein offener Brief an alle sogenannten ‚deutschen Patrioten‘

Immer diese ewige Vergangenheit, immer dieses Beklagen, dass die deutsche Geschichte bis 1945 nur schlecht geredet wird, immer der Wunsch, es möge wieder so ein Nationalgefühl wie damals vor 1914 geben! … kommt von euch sogenannten deutschen Patrioten denn niemals jemand mal auf die Idee, sein positives Selbstwertgefühl aus der Gegenwart zu beziehen?

Die Vergangenheit ist vergangen, für mich im hier und jetzt ist es absolut unerheblich, ob jetzt der Blankoscheck durch Wilhelm II. den Krieg ausgelöst hat oder ob andere ebenfalls fleißig mitgezündelt haben. Wenn sich die Serben über Clarks Thesen aufregen, bedeutet das nicht, dass die ein gesundes Nationalgefühl haben, sondern ganz im Gegenteil. Die Vergangenheit zu glorifizieren und Negatives auszublenden ist typisch für schwache Staaten, die ihren Bürgern nichts anderes zu bieten haben, als das Gefühl was Besseres zu sein.

Ja, nur schwache Staaten reden sich ihre Nation ständig schön und werden wütend, wenn man an der Unfehlbarkeit zweifelt. Staaten wie die Türkei, die bis heute jegliche Verantwortung für Armenien wütend von sich weist, sind wie Narzissten, die keine Fehler gestehen können. Denn jeder Fehler kratzt an der Oberfläche der Grandiosität und unter diesem Panzer findet sich keine selbstbewusste, starke Persönlichkeit, sondern ein schwächlicher Wicht. Auch das von euch so viel gerühmte ‚Nationalbewusstsein von vor 1914‘ war ein Ausdruck der seelischen Schwäche und ich weiß nicht, wo ihr bei unseren Nachbarn ‚gesundes Nationalgefühl‘ seht, ich sehe nur Narzissten.

Wir sollten aufhören Narzissmus mit Stärke zu verwechseln!

Die vor kurzem geschmähte ‚Gedenkkultur der Schande‘ hat überhaupt nichts mit Schwäche oder fehlendem Nationalgefühl zu tun. Wir Deutsche stehen zu den Verbrechen die im Namen Deutschlands begangen wurden und gerade das macht uns zu einer starken, selbstbewussten Nation, die nicht viel Inszenierung braucht. Das liebe ich so an Deutschland.

Wenn ich am Brandenburger Tor stehe und neben mir französisch, polnisch oder russisch höre, liebe ich es, in Deutschland zu leben – wir haben die Vergangenheit überwunden und tausende Menschen aus ehemaligen Feindstaaten besuchen uns und fühlen sich in bei uns wohl.

Jedes mal wenn ich aus Potsdam nach Hause nach Augsburg in Bayern fahre, liebe ich es, Deutscher zu sein. Meine Mutter erzählte mir, was sie sah, als sie bei einer Klassenfahrt nach West-Berlin die Grenze Nachts überquerte  – Gleißendes Licht, Stacheldraht, Hunde, Maschinengewehre. Ich sitze im ICE, schaue aus dem Fenster und sehe nur Landschaft und bin stolz darauf, dass wir Deutsche Diktaturen und Grenzen in Deutschland und Europa überwunden haben.

Ja, wir brauchen mehr Bewusstsein dafür, welch einzigartige historische Leistung die deutsche und die europäische Einheit ist. Was wir nicht brauchen, ist ein ‚Nationalgefühl wie vor 1914‘.

Dieser Post war ursprünglich eine Antwort auf einen Post im Forum  des Vereins „Stadtbild Deutschland“, daher Anspielungen, die sich vielleicht nicht direkt erschließen: http://www.stadtbild-deutschland.org/forum/index.php?thread/2464-einheitsdenkmal-in-berlin/&postID=243543#post243543

Der Sinn von Gedichtinterpretation

Aus der Reihe „Thorsten, der alte Besserwisser, belehrt dumme Facebook-User“. Heute: der Sinn von Schule. Denn User Michael Molli beschwerte sich auf Facebook darüber, dass die Schule nur unsinniges Zeug beibringe (sinngemäß):

„Stellt eigentlich jemals irgendjemand die Frage, ob der Unterrichtsstoff im Leben irgendeine Relevanz hat? Von all dem Scheiß der mir im Unterricht all die Jahre aufgezwungen wurde, brauche ich so gut wir garnichts. Ich besorge mir das Wissen was ich brauche und was mich interessiert selber, nachdem ich die Massenvergewaltigungsinstitution Schule verlassen durfte.“

Der User rezitiert hier nur dummes und unreflektiertes Blabla, was jeder von uns so wahrscheinlich mal gesagt und tausendmal gehört hat. Aber statt immer wieder den selben Vorwurf wiederzukäuen, sollte man vielleicht mal darüber nachdenken, ob es hinter dem eigentlich Gelerntem, etwa Kurvendiskussion oder Gedichtanalyse, noch eine weitere Ebene gibt.

Denn meiner Meinung nach waren die wenigsten Dinge, die man gelernt hat, reiner Selbstzweck, sondern dienten dem Erwerb von grundsätzlichen Fähigkeiten, die jeder von uns tagtäglich anwendet. Als Beispiel habe ich eben die viel geschmähte Gedichtanalyse gewählt:

Ja, die wenigsten Sachen die man in der Schule lernt, braucht man später 1:1 im Leben.Es ist aber falsch (und dumm) dem Gelernten den generellen Sinn abzusprechen.

Erlernte Lösungswege können auch abstrahiert und auf andere Probleme übertragen werden – Stichwort Lerntransfer. Man kann sich natürlich darüber lächerlich machen, dass man nie wieder ein Gedicht interpretieren muss. Aber die Fähigkeit, Texte zu analysieren, damit den tieferen Sinn zu verstehen und das alles in eine logische Argumentation zu packen braucht man jeden Tag, selbst wenn man nur auf Facebook schreibt und liest.

Unterliegen menschliche Gesellschaften der Entropie?

Die besten Ideen kommen einen, wenn man nicht damit rechnet. Und manchmal entpuppen sich Ideen, die man zuerst für genial hielt, als Rohrkrepierer, wenn man länger darüber nachdenkt. In beiden Fällen lohnt es sich aber seine Gedanken aufzuschreiben. Auch aus schlechten Ideen können sich gute entwickeln und gute zu vergessen… Nun ja. Daher gibt es eine neue Reihe:

„Gedankenspiel – Top oder Flop?“

Gerade im Garten. Ich saß, sah und dachte. Über Chaos und Ordnung, also das Prinzip der Entropie in der Physik. Entropie bedeutet, dass alle Systeme zu einem Zustand größtmöglicher UNORDNUNG streben. Das Chaos ist der stabilste Zustand. Und jeder Versuch, das Chaos zu ordnen kostet Energie. Durch Energieaufwand schafft man Ordnung und gleichzeitig generiert man auf einer anderen Ebene neue Unordnung. Dieses Prinzip ist universal und jeder von uns kann es jeden Tag erleben, wenn er seine Wohnung aufräumt. Dreck zu machen ist leicht. Putzen kostet Zeit und Energie. Unsere Körpertemperatur erhöht sich, erwärmt die Luft, was wiederum das Chaos auf der Ebene der Luftmoleküle erhöht (Wärme = mehr Energie = mehr Bewegung = mehr Chaos). Auch Nahrung aufnehmen ist ein Ordnungsprozess. Würden wir uns dem Zufall überlassen, würden die meisten sterben, denn gebratene Tauben fliegen einem nicht in den Mund! Unsere Existenz ist also eigentlich ein Kampf gegen das Chaos. (Direkt mal den Sinn des Lebens gefunden ;D).

Dann kam mir die Idee, dieses Prinzip auf Gesellschaften anzuwenden. Ich denke nicht, dass sonderlich originell ist oder gar welterschütternd genial ist. Aber ich fand die Idee lustig, wollte ausloten wie weit sie mich bringt und ob es überhaupt etwas erklären kann. Denn ein Modell ist nur dann sinnvoll, wenn es erklärt und hilft, Vorhersagen zu machen.

Also, unterliegen Gesellschaften der Entropie?

Wenn ja, bedeutet es, dass Gesellschaften ein Ordnungsprinzip sind und daher latent instabil. Jeder Mensch strebt in eine andere Richtung und würde man keine Energie (was wäre das in Gesellschaften?) aufwenden, würde alles binnen kurzer Zeit auseinander fliegen. Ein Beispiel für ein Ordnungssystem, was derzeit höchst instabil ist, wäre die Europäische Union. Brexit, Euro-Krise und Flüchtlinge wirken wie Strahlungsdruck von innen und drücken die EU auseinander. Je mehr Menschen ‚geordnet‘ werden müssen, desto instabiler wird es. Soweit, so offensichtlich.

Wie sieht es auf der Ebene der Nationalstaaten aus? Entropisch oder stabil? Befürworter von starken Nationalstaaten (AFD, Front National) sehen dieses Konstrukt als Stabilitätsanker im Chaos. Tatsächlich sind Nationalstaaten alles andere als stabil. Die Instabilität fängt schon bei der Definition an. Wer gehört zu einer ‚Nation‘? Jeder der Deutsch spricht? Oder blond und blauäugig ist? Nach beiden Prinzipien wurde versucht zu ordnen und dabei mehr Chaos als Ordnung geschaffen.

Umgekehrt kann man mal fragen, was denn eine stabile Gesellschaft wäre. Dem Prinzip der Entropie nach, ist eine Gesellschaft dann stabil, wenn sie chaotisch ist. Hatten also die Anarchisten doch recht? Ist Auflösung jeglicher Ordnung, jeglicher staatlicher Gewalt, die bestmöglichste ‚Gesellschaft‘?
Ich denke, eine chaotische Gesellschaft wäre ebenfalls instabil. Denn schließlich ist der Mensch ‚Ein Kämpfer  gegen das Chaos‘. Wir müssen Ordnung schaffen, um zu leben. Ergo ist jedes System – auch ein absichtlich chaotisches – was der Mensch auch nur halb/teil- oder 1/8-aktiv mitgestaltet, ein Ordnungsprinzip und damit instabil.

Die Frage, ob Gesellschaften der Entropie unterliegen führt also im Kreis. Ja, sie unterliegen der Entropie, aber gleichzeitig kann der Mensch nicht NICHT ordnen. Wir gewinnen also nichts, wenn wir Gesellschaften entsprechend betrachten. Sie sind immer auf irgendeine Art instabil.

So. Auch wenn es nichts brachte,hat es dennoch Spaß gemacht, darüber mal nachzudenken und ich kann mich wieder zurück in den Garten legen.