Ausstellungspraktiken von Militärtechnik am Beispiel des Deutschen Technikmuseums Berlin

Die Arbeit kann hier herunter geladen werden. Aus Datenschutzgründen sind die Namen meiner Gesprächspartner geschwärzt:

Militärtechnik im Museum

In meiner Masterarbeit untersuchte ich, ob im Deutschen Technikmuseum Berlin militärische Luftfahrttechnik auf verharmlosende Weise ausgestellt wird, wie der Abteilung von verschiedenen Seiten vorgeworfen wurde. Tatsächlich ließ sich sowohl eine objektorientierte sowie kulturwissenschaftliche Ausstellungspraxis feststellen. Das die objektorientierte Darstellung von Objekten als verharmlosend wahrgenommen wird, liegt jedoch weniger an der tatsächlichen Aussage der Ausstellung, als daran, dass in der kulturwissenschaftlichen Forschung das Objekt nur einen geringen Stellenwert besitzt.

Bf 109 RAF Museum

Bf 109G-2/Trop ‚Schwarze 6‘, RAF Museum Hendon London – by Dapi89/CC

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Plötzlich Brüder? Bayerische und preußische Soldaten im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71

Ein Abstract der Modularbeit „Plötzlich Brüder? Die Wahrnehmung des preußischen Verbündeten in den Kriegserinnerungen bayerischer Soldaten des Deutsch-Französischen Krieges 1870/71 im Kontext von Nationalismus und Partikularismus“ von Thorsten Peger, 2017

Das PDF der Modularbeit kann man hier downloaden:

Bayern und Preußen_gesichert

Bayerischer_Infanterist_Max_Lehner

Gemälde von Louis Braun (1836-1916) um das Jahr 1870. Es zeigt den bayerischen Infanteristen Max Lehner, Krankenträger der Sanitätskompanie, aus zwei Perspektiven. Standort: Bayerisches Armeemuseum, Ingolstadt, gemeinfrei/Public Domain

Ruhmreiche Schlachten gegen den ewigen Erbfeind Frankreich vollendeten das, wonach alle Deutschen seit Jahrzehnten strebten – endlich wurde der deutsche Nationalstaat gegründet. Das ist das gemeinhin überlieferte Bild des Deutsch-Französischen Krieges von 1870/71.

Und dabei töteten sich Süddeutsche und Preußen im Deutsch-Deutschen Krieg von 1866 gegenseitig und kochten im Königreich Bayern in Folge der Niederlage und der drohenden „Verpreußung“ antipreußische Ressentiments hoch. Die antipreußische Patriotenpartei wurde aus dem Stand bei den Wahlen zum deutschen Zollparlament und bayerischen Landtagswahlen stärkste Kraft und widersetzte sich der Gründung eines Nationalstaates unter preußischer Führung. Aber kaum vier Jahre später, nach der Kriegserklärung durch Frankreich waren alle antipreußischen Gefühle plötzlich vergessen?

Um dieses Paradox aufzulösen, hat diese Arbeit untersucht, wie bayerische Soldaten ihre preußischen Kameraden während des Krieges von 1870/71 wahrgenommen haben. Als Quelle dienten Kriegserinnerungen bayerischer Soldaten, die zwischen 1871 und 1914 publiziert wurden. Deutlich wurde dabei, dass es vor allem Vorurteile gegenüber preußischen Offizieren gab, aber ansonsten die Begegnungen konfliktarm und sogar euphorisch abliefen. Gleichzeitig wurde aber auch die Quellengattung an sich betrachtet und man muss davor warnen, das Geschriebene völlig unkritisch als Wahrheit zu übernehmen. Die Kriegserinnerungen sind eine dezidiert nationalistische Quelle, so dass wohl nur diejenigen publiziert haben, welche sich rückhaltlos mit der Reichseinigung identifizierten. Dies verfälscht jedoch unser Bild, da die preußenkritischen Stimmen nicht zu Wort kamen.

 

 

Das schizophrene Verhältnis der Deutschen zur Schönheit

Gerade wieder die Serie „Deutschland von Oben“ auf Phönix gesehen. An sich eine schöne Serie, aber die Macher haben ein ziemlich gespaltenes Verhältnis zur Schönheit.

Sie zeigen die Krämerbrücke in Erfurt, fliegen über Marktplätze von Wimpfen und Dinkelsbühl, inszenieren die Altstadtidylle, nutzen sie, um zu zeigen, wie schön Deutschland ist – nur um dann zu kommentieren: „Dinkelsbühl sieht aus, wie frisch aus dem Spielzeugladen“ und „Das könnte so auch auf einer Modelleisenbahnanlage stehen.“

Was soll das? Sind idyllische Stadtbilder nur was für Kinder und ‚kindische‘ Erwachsene?

Ochsenfurt

Fachwerk in Ochsenfurt – CC

Der Kommentare ist keine Einzelmeinung, sondern spiegelt das wieder, was täglich in Politik und Medien über Schönheit gesprochen wird. Vor kurzem wurde die wiederaufgebaute Frankfurter Altstadt eröffnet. Menschen strömen in Scharen hinein und sagen an jeder Ecke, wie schön es ist. Es zeichnet sich ab, dass die Altstadt ein riesen Erfolg wird, aber was sagt die Politik? „Jetzt reicht’s erstmal. Schluss mit Rekonstruktionen! Wir bauen wieder zeitgenössisch.“ Es ist egal, dass der Wiederaufbau ein Erfolg ist. Es ist egal, dass es den Menschen gefällt. In den Medien dasselbe Bild: Man spricht von Disneyland, Zuckerbäckerstil und Kulissen.

Zugegeben, Rekonstruktionen fehlt die historische Authentizität, aber warum werden dann auch authentische Idylle, wie die gezeigten Erfurt und Dinkelsbühl, begrifflich abgewertet? Haben wir es schon so verinnerlicht, dass alles was schön ist, irgendwie schlecht, kindisch-naiv sein muss? Dass nur Hässlichkeit authentisch und damit in Ordnung ist? Warum können wir nicht einfach zu etwas stehen und sagen: „Ja, das gefällt mir“?

Dies ist unser perverses Verhältnis zur Schönheit. Wir lieben Schönheit und Idylle, aber gleichzeitig wirken in uns Kräfte (soziale-konstruierte Narrative?), die uns in die andere Richtung zerren, die uns dazu zwingen, dass wenn uns etwas gefällt, dies gleichzeitig abzuwerten, um unser Gesicht als „moderner und erwachsener Mensch“ zu wahren. Aber was ist falsch daran, dass Schöne und Idyllische zu mögen? Ist man wirklich ‚kindisch‘, wenn man sich nicht mehr mit der gebauten Hässlichkeit deutscher Städte abfinden möchte?

Wie auch immer, dass schizophrene Verhältnis der Deutschen zur Schönheit erinnert an das Flirtverhalten verschämter 13-jährige Teenager. Man entdeckt in sich das verwirrende Gefühl, dass Jungs und Mädchen doch nicht so blöd sind, wie man in der Grundschule noch fest geglaubt hat. Erste zarte Anbahn-Versuche werden von den Freunden mit höhnischem „DUU MAAAGGST SIEE!!! HAHAHAH!!“  verlacht und um sein Gesicht zu wahren, verleugnet man sich selbst und rudert schnell zurück: „Stimmt doch gar nicht! Sie ist voll doof! Halts Maul!“.

Ja, dies ist das Kulturniveau, auf dem wir uns in Deutschland aktuell bewegen.

Die Feld-Lafette der preußischen Hinterladergeschütze c/61

Im Jahr 1861 wurden die ersten serienreifen, gezogenen Hinterlader-Geschütze in der preußischen Armee in Dienst gestellt. Während die Royal Army ihre Armstrong Geschütze wieder ausmusterte und Frankreich sowie Österreich auf gezogene Vorderlader (System „La Hitte“ und M.1863) setzten, die äußerlich noch genauso aussahen wie die Geschütze in den Napoleonischen Kriegen, machte Preußen einen großen Schritt in die Richtung der Artillerie, wie wir sie heute kennen.

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Manöver der preußischen Artillerie. Das gezeigte Geschütz ist vom Typ c/73

Häufig nicht beachtet oder nur unzureichend beschrieben bleiben die Lafetten – anders als die Rohre, deren Technik viel Aufmerksamkeit erfährt. Dabei machen Lafetten, also das Untergestell auf welchem das Rohr befestigt ist, ein Geschütz überhaupt erst fahrbar und damit im Feld einsatzfähig. Möchte man die Entwicklung der Lafettentechnik im 19. Jahrhundert nachvollziehen (so wie ich), steht man hier in Deutschland aber vor einem Problem. Bedingt durch die Bombardements im Zweiten Weltkrieg (sowie anderen Gründen) haben nur wenige Feldgeschütze aus dem 19. Jahrhundert überlebt und hier meist nur die Rohre. Damit fehlen die Anschauungsbeispiele, was die Erforschung der Geschichte der deutschen Artillerie im 19. Jahrhundert erschwert. Hinzu kommt ein wohl generelles Desinteresse an der Artillerie des 19. Jahrhunderts.

Zugegeben, die Frage, welcher Geschütztyp welche Lafette benützte und wie deren Technik aussah ist alles andere relevant. Aber da die Literatur gibt hierauf kaum Antworten, daher habe ich mir mal die Mühe gemacht und die entsprechenden Informationen recherchiert. Bei dem Buch erster Wahl für die Technik der Artillerie rund um die Einigungskriege ist das Buch von „Witte, W.: Die gezogenen Feldgeschütze nach ihrer Einrichtung, Ausrüstung etc, nebst einigen Regeln für die Behandlung des Materials, Berlin 1867“.  Für das Rohre des Artillerie-Materials c/61, c/64 und c/67 finden sich bei hier alle nötigen Informationen, aber für die Lafetten der ersten Hinterlader jedoch nur den knappen Satz, dass die vorhandenen Lafetten, Protzen und Wagen des Material c/42 zweckentsprechend abgeändert wurden (S.1).  Aber was genau waren die „zweckentsprechenden“ Änderungen?

Auch Wikipedia ist hier keine große Hilfe. Es findet sich zwar die zusätzliche Information, dass die Lafette die Bezeichnung c/42/56 oder auch c/56/61 trug, was anzeigt, dass die Lafette bereits 1856 einer Veränderung unterzogen wurde. Aber auch hier findet sich keine Erläuterung, was sich verändert hatte. Auf der Wiki-Seite zur c/61 findet sich auch auch ein Bild, was eine vermeintliche c/61 zeigt, aber bei genauerem Studium sowie der Suche nach weiteren Bildern finden sich auch hier Ungereimtheiten.

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Eine in Saarlouis ausgestellte c/61. Das Rohr ist korrekt, die Lafette jedoch nicht. Foto by Piusfuchs, Lizenz CreativeCommons

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Die Lafette der c/61 in Saarlouis aus der Rückansicht. Die Details der Achskästen sowie die konvergierende Lafette zeigen, dass diese wohl eher nicht deutscher Herkunft ist. Foto by Piusfuchs, CreativeCommons

Während das Rohr eindeutig eine preußische 6-pfünder vom Typ c/61 ist, ist die Lafette weder Original noch passend, da nicht deutsch. Das zeigt sich zum einen an den konvergierenden Lafettenwänden. In den deutschen Ländern, inklusive Österreich, waren bis 1873 parallel gestellte Lafettenwände eindeutiger Standard und mir ist derzeit kein deutscher Staat bekannt, in dem dies anders gewesen wäre. Ausländische Mächte verwendeten jedoch durchaus andere Konstruktionen und gerade die Briten waren offener. Schon in den Napoleonischen Kriegen wurde als Lafettentyp sogenannte Blocklafetten eingesetzt. Auch die beiden Achskästen – in denen zusätzliches Material verstaut werden konnte – deuten auf eine eher britische Herkunft (bzw. britisch inspiriert) der Lafette hin, da diese auch für die britische Feldartillerie ein typisches Feature waren. Damit scheidet das in Saarlouis ausgestellte Geschütz als Antwort auf die Frage nach der Lafette der c/61 aus.

Das Material c/42/56

Da die Lafette c/42/56 eine Weiterentwicklung des Artillerie-Materials c/42 war, hilft es, wenn wir uns zunächst die Ursprungsversion betrachten:

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Die technische Zeichnung stammt aus „Kameke, H.F.: Die preussische Feld-Artillerie nach der Construction vom Jahre 1842, Berlin 1847, Blatt 2“

Auffällig ist, dass an der Lafette und dem Geschütz c/42 nichts auffällig ist. Die Technik der Artillerie ist noch identisch mit der Artillerie der Napoleonischen Kriege 30 Jahre vorher und schon hier gab es keine großen Unterschiede zur Artillerie im Siebenjährigen Krieg. Das Rohr (das noch glattläufig ist) hat seine repräsentativen Schmuckelemente eingebüßt und die Lafette mit den stabilisierenden Eisenbändern wurde verschlankt, um Gewicht einzusparen.

Aber was wurde für die Lafette c/42/56 verändert? Auch wenn keine originalen Geschütze aus der Zeit überlebt haben, konnte ich im Museum der Zitadelle Spandau ein Modell einer c/61 finden:

Modell c/61 Front

Modell der c/61 im Exerzierhaus der Zitadelle Spandau

Solche Modelle wurden von den Artillerie-Werkstätten der Armeen gefertigt, um ihr Portfolio zu präsentieren. Diese Modelle bieten einen guten Anhaltspunkt sollten aber nicht ganz genau genommen werden. Bei dem oben gezeigten Modell sind beispielsweise die Räder völlig unproportioniert, ebenso fehlt der typisch mittelblaue Anstrich und auch die Beschlagteile aus Eisen waren geschwärzt. Aber die Technik an sich ist detailgetreu wiedergegeben.

Von diesem Modell lässt sich also historische Gestalt der Lafette c/42/56 ableiten. Zunächst die Ähnlichkeit der Lafette. Auf einem hölzernen Querbalken (dem sogenannten Achsfutter, welches die eiserne Achse umschließt) ruhen zwei parallele Lafettenwände, die durch Stirn-, Mittel- und Schwanzriegel verbunden sind.

Details des Modells der c/61

Details der Lafette c/42/56 im Exerzierhaus der Zitadelle Spandau. Lafettenkasten, Richtmaschine, Achssitze und Mitnehmer sind neu.

Die auffälligste Veränderung ist die Einführung der Achssitze, die auf dem Achsfutter befestigt wurden und auf denen zwei Kanoniere während der Fahrt Platz nehmen konnten. Um die Achssitze stabil zu halten wurde eine auf beiden Seiten eine Querstrebe (der sogenannte Mitnehmer) gezogen, auf der der Sitz ruht. Mit den beiden Achssitzen führt die Lafette c/42/56 als erstes Artillerie-Material (soweit ich weiß) ein technisches Feature ein, was spätestens ab 1870 von allen europäischen Artillerien übernommen wurde. Zur Frage, warum Achssitze ab 1860/70 eingeführt worden sind, kann ich im Moment nur spekulieren. Ich vermute, dass sich die Einsatzgrundsätze der Artillerie veränderten – vermutlich hin zu einem offensiveren Einsatz – so dass es notwendig wurde, schnellere Stellungswechsel durchzuführen. Während die Kanoniere vorher an der Seite der Geschütze marschierten, konnten sie nun schnell auf der Lafette und der Protze Platz nehmen und an neuer Position auffahren.

Verändert wurde auch die Richtmaschine und ein Lafettenkasten wurde neu eingeführt. Anhand des Modells vermute ich, dass beides identisch mit der späteren Lafette c/64 sind. Der Lafettenkasten bestand aus Eisenblech und war am Mittelriegel und den Lafettenwänden angeschraubt. Darin befanden sich kleinere Zubehörteile des Geschützes, etwa Ölflaschen, Lappen und ein „Lader“. Die Technik und Details der Richtmaschine sind gut bei „Witte, Die gezogenen Feldgeschütze, S.25“ beschrieben, so dass ich hier nicht näher darauf eingehen muss.

Richtmaschine c/64

Die Richtmaschine der c/64 Geschütze. Verlag von August Stein, Potsdam – Zeichnungen zur Waffenlehre. 4.Auflage, Blatt 11, Figur 23. Publick Domain

Und damit erschöpfen sich die Änderungen auch wieder. Diese Lafettenvariante dürfte auch die typische Lafette der preußischen Artillerie während des deutsch-dänischen Krieges 1864 gewesen sein, zumindest für die schwere Feldartillerie, die mit 6-pfündigen c/61 ausgestattet war.

Fazit

Es lässt sich festhalten, dass die Lafette c/42/56 eine Mischung aus Alt und Neu ist. Sie verbindet die Artillerietechnik des Siebenjährigen Krieges und der Napoleonischen Kriege mit der verfeinerten Technik der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und war stilprägend für die weiteren Entwicklungen in Preußen und dem späteren Deutschen Reich. Aus militärhistorischer Perspektive spiegeln sich in den zarten Veränderungen der Lafette c/42/56 auch taktische Veränderungen der Artillerie auf dem Schlachtfeld. Leichtere Lafetten und erhöhte Mobilität erlaubten einen offensiveren Einsatz der Batterien, was im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 schlacht- und kriegsentscheidend werden sollte.

Bibliographie

Kann Schönheit doch objektiv sein? Zusammenfassung der Podiumsdiskussion der Bundesstiftung Baukultur am 15.2.18

Einleitung

Am 15. Februar 2018 lud die Bundesstiftung Baukultur​ alle Interessierten zu einer Podiumsdiskussion mit dem Thema „Schön und gut“ ein. Die Grundfrage war, ob Schönheit tatsächlich nur im Auge des Betrachters liege oder ob es nicht doch objektiv Maßstäbe für eine emotional auf uns wirkende Baukunst gibt. Die Diskussion fand in der Bar Kosmetiksalon Babette in der Karl-Marx-Allee 36 unweit des Alexanderplatzes in Berlin statt. Nach einer Begrüßung folgten vier 15minütige Vorträge der Diskutanten, danach schloss sich eine Podiumsdiskussion an. Das das Thema auf für APH interessant ist, habe ich mitgeschrieben und gebe euch eine Zusammenfassung.

Als Diskutanten eingeladen waren: Prof. Andreas Denk (Architekturkritiker und Chefredakteur „der architekt“ [sic!]), Dr. Martin Düchs (Architekt und Philosoph an der Uni Bamberg), Jürgen Tietz (Architekturkritiker), Claudia Meixner (Architektin Meixner Schlüter Wendt Architekten) sowie Prof. Dr. Mirijam Schaub (Philosophin der Kunsthochschule Halle). Rainer Nagel, Vorstandsvorsitzender der Bundesstiftung Baukultur, moderierte die Diskussion. Den drei Modernisten (Denk, Tietz, Meixner) standen zwei „Ästheten“ (Düchs, Nagel) gegenüber.

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Ist das Taj Mahal nur relativ schön? Liegt Schönheit nur im Auge des Betrachters? Oder gibt es doch objektive Maßstäbe? Foto by Joel Godwin (Own work) [CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)%5D, via Wikimedia Commons, https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3ATaj-Mahal.jpg

Impulsvortäge

Den einführenden Vortrag hielt Prof. Denk, welcher einen kurzen Abriss der Geschichte der Schönheit, bzw. welche Regeln als Bedingung für Schönheit definiert wurden, lieferte. Natürlich sprach er auch über die klassische Form- und Proportionslehre (Goldener Schnitt), aber er vertrat hier Meinung, dass Maß und Zahl alleine nicht ausreichen würden, um die Schönheit eines Gebäudes zu definieren. Ebenso Teil der Schönheit eines Gebäudes seien auch die „inneren Werte“ wie die Funktionalität oder sogar auch, wieviel Geld das Gebäude kostete und ob es innerhalb des Budgets blieb. Damit vertritt er eine typische relativistische Meinung, dass alles irgendwie schön sei, wenn man nur lang genug danach suche.

In seinem Vortrag mit dem Thema „Moral und Schönheit in der Architektur“ stellte Dr. Düchs die Fragen in den Raum, ob schöne Architektur auch moralisch schlecht sein und ob hässliche Architektur auch moralisch gut sein könne. Er verneinte dies ganz entschieden. Hässliche Architektur ist immer moralisch schlecht. Denn der Mensch ist ein Wesen, das nach Schönheit strebt, daher ist Schönheit eine notwendige Bedingung von moralisch guter Architektur und Schönheit muss wieder Teil jeder baumeisterlichen Ethik werden. Weitergedacht bedeutet das, dass hässliche Architektur eine ständige Beleidigung und Erniedrigung des Menschen ist.

Jürgen Tietz wiederum nahm eine andere Richtung und argumentierte, dass auch hässliche Architektur einen Denkmalwert habe. Er machte dies an einem Flakhochbunker aus dem Zweiten Weltkrieg fest, welcher unbedingt als Zeuge dieser Epoche erhalten werden müsse. Auch sei Schönheit kein guter Maßstab, denn der Mensch findet das schön, was er kennt und wiederholte damit den Relativismus von Denk, dass alles irgendwie schön sein kann.

An seinem Vortrag störte mich, dass er gegen einen Strohmann argumentierte. Kaum jemand würde abstreiten, dass auch hässliche Gebäude einen Denkmalwert haben können, aber damit wird Schönheit wieder mit anderen Kategorien vermischt, mit denen es nichts zu tun hat – ein Gebäude kann schön, aber nutzlos, oder funktional und schön, oder ein wichtiger Teil der Geschichte sein – das eine hat nichts mit dem anderen zu tun und bedingt sich nicht gegenseitig.

Auch finde ich die Argumentation, dass man nur das schön finde, was man kenne, problematisch und auch faktisch falsch. Problematisch, weil damit die Meinung von Menschen, welche zb. Ein modernes Gebäude als „hässlich“ wahrnehmen, ganz leicht als ‘kleingeistig‘ abgestempelt werden kann, weil sie nicht offen genug seien. Falsch, weil es wohl kaum einen Menschen gibt, egal aus welcher Region der Welt, der nicht von der Kathedrale von Arras, von der mit Schnitzerein aus Holz verzierten Moscheen in Meknes, dem Taj Mahal oder Santorini fasziniert ist. Jedes dieser Gebäude und Stadtbilder entstammt einem anderen Kulturkreis, werden aber dennoch übergreifend als schön wahrgenommen.

(Die große Moschee von Meknes, erbaut im 11. Jhd., by Daemon11 (Own work) [CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0​)], via Wikimedia Commons)

Weiter ging es mit der Architektin Claudia Meixner, die über die räumliche Präsenz von Architektur sprach. Sie stellte vor allem Arbeiten ihrer Firma vor, die vor allem den Raum skulptural fassen sollten. Interessant war, dass sie offen zugab, dass sie ihre Bauten niemals als schön bezeichnen würde. Wichtiger sei die die „Idee“ dahinter, weswegen manche Entwürfe auch „Landeklappen“ haben. Inwiefern dies mit ihrem Lieblingsgrundsatz „form follows function“ vereinbar war, hat sich mir jedoch nicht so ganz erschlossen.

Zuletzt sprach die Philosophin Mirijam Schaub über den Schönheitsbegriff und bezog sich vor allem auf Kant. Sie betonte, dass Schönheit etwas anderes sei, als Funktionalität und das man den Begriff Schönheit daher klarer definieren müsse.

Podiumsdiskussion

Die Podiumsdiskussion drehte sich dann um die Fragen, ob es ein übergreifende Wahrnehmung von Schönheit gebe und welche Verantwortung Architekten haben. Als Belege für eine übergreifenden Maßstab von Schönheit wurde das Pantheon – welches immer emotional wirke – sowie die Elbphilarmonie, welche ebenfalls kollektive Begeisterung auslöste – angeführt. Insbesondere Düchs kritisierte das ständige relativieren, das alles irgendwie schön sein könne. Durch diese Kritik kam auch bei Prof. Denk Bewegung rein und musste zugeben, dass der Begriff „schön“ immer mit anderen Adjektiven vermischt werde. Oft spricht man von „schön“ wenn man eigentlich „interessant“ meinte.

Dann wurde diskutiert, was es mit der Ornamentik auf sich hat. Natürlich lehnten die drei Modernisten Ornamente per se ab. Meixner gab hier eher unreflektiert den Glaubensgrundsatz „form follows function“ zum Besten. Rainer Nagel zitierte aus Umfragen der Bundesstiftung Baukultur, welche zeigten, dass sich die Menschen wieder mehr Ornamentik wünschen, da sich damit wohl fühlen. Denk betonte, dass es nicht Aufgabe der Architekten sei, dass zu bauen, was sich die Masse wünsche, da Architekten vor allem ihrer Zunft verpflichtet seien und den Bauherrn vor seinen Verirrungen beschützen müsse. Düchs griff das auf und kritisierte, dass Architekten eine Verantwortung der gesamten Gesellschaft gegenüber haben. Deren Wünsche zu ignorieren sei arrogant und paternalistisch.

Eigene Meinung

Für mich wurde eins deutlich: Schönheit ist durchaus objektiv greifbar, was aber höchst subjektiv ist, ist, ob Schönheit einem wichtig ist. In Kunst und Architektur erleben wir, dass Schönheit unwichtig, die „Idee“, das Interessante, jedoch alles ist. Mit dieser Denke schränken sich Architekten vor allem selbst ein. Wenn sie sich nur „function“ versteifen, bleiben sie zwangsläufig immer unterhalb ihrer Möglichkeiten bleiben. Erst wenn ein Gebäude (angelehnt an Vitruv) Festigkeit, Funktion, Schönheit und Idee in sich vereint, kann es ein wahres Meisterwerk werden.

Der Master of Arts

Oder. Über das Ansehen und die Verzweiflung der Geisteswissenschaftler.

Wer arbeitet so spät bei Nacht und Wind?
Es ist der Student mit seinem Kind;
er schreibt die Arbeit wohl mit dem Arm,
er schreibt sicher, hält seine Ideen warm.

Mein Sohn, was schreibst du so eifrig bei diesem Licht?
Kennst, Vater, du die Chancen des Master of Arts nicht?
Den Master mit Einskommanull?
Mein Sohn, es ist kein Hoffnungsstreif!

Erlkoenig_Schwind

Man kann nicht ewig vor dem 1. Arbeitsmarkt davonlaufen – Illustration zum Erlkönig, von Moritz von Schwind – Old Postcard: F. A. Ackermann’s Kunstverlag, München. Universal-Galerie, Serie 213, Nr. 2175b. Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=7104703

„Du schlauer Student, komm, geh mit mir!
Gar schöne Projekte mach‘ ich mit dir;
Manch tolle Jobs gibt’s in diesem Land
Du verdienst dir ein gülden Gewand.“

Mein Vater, mein Vater, hörest du nicht,
was der Master of Arts mir leise verspricht?
Sei ruhig, bleibe ruhig, mein Kind;
Auf dem dürren Arbeitsmarkt säuselt der Wind.

„Willst, feiner Student, du mit mir gehen?
die Alumnis sollen dich warten schön;
Die Alumnis führen den nächtlichen Reihn
Und wiegen und tanzen und singen dich ein.“

Mein Vater, mein Vater, aber siehst du nicht dort
Die erfolgreichen Alumnis am Studienort?
Mein Sohn, mein Sohn, ich seh‘ es genau:
Es scheinen die alten Professoren so schlau.

„Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt.
Und bist du nicht willig so brauch‘ ich Gewalt“
Mein Vater, mein Vater, jetzt sitze ich in einem Kran,
der Master of Arts hat mir ein Leids getan!

Dem Vater grauset’s; er fährt geschwind,
er hält in Armen das arbeitslose Kind,
Erreicht die Technische Fakultät mit Mühe und Not;
Doch in seinen Armen der Student war tot.

Wir sind uns biologisch so ähnlich und doch denkt Jeder für sich alleine

Oliver Gabath hat auf den Scienceblogs eine interessante Beobachtung gemacht – der Anteil von Ingenieuren an den sogenannten ‚Cranks‘ – Menschen, die glauben ganz alleine in den grundlegenen Theorien der modernen Naturwissenschaften (zb. Relativitätstheorie) Fehler entdeckt und korrigiert zu haben – ist gefühlt höher als der Anteil anderer Berufsgruppen. Er stellt die These auf, dass Ingenieure zwar eine ähnliche naturwissenschaftliche Ausbildung wie Physiker haben, aber am Ende doch gelernt haben, anders zu denken und deswegen anfällig für das Cranktum sind:

http://scienceblogs.de/quovadis/2017/07/06/cranks-warum-gerade-ingenieure/

Ich finde die These, dass es an einer anderen Art zu denken liegt, spannend und denke, dass das auch auf andere Bereiche ausgedehnt werden kann, um zu erklären, warum manchmal zwei Menschen den selben Sachverhalt völlig unterschiedlich interpretieren.

Mir fällt das zum Beispiel auf, wenn ich mit Verschwörungstheoretikern diskutiere – die selben Fakten, aber am Ende kommen zwei völlig verschiedene Weltanschauungen dabei heraus. Und ich habe nicht den Eindruck, dass die Menschen mit denen ich streite irgendwie ‚dümmer‘ sind als ich.
Am Ende neigen wir meistens dazu, den Anderen, der nicht verstehen will (oder kann) als ‚geistig gestört‘ abzutun – aber nein, es sind ’normale‘ Menschen, sie denken einfach nur anders.

Wir Menschen gehen wohl unbewusst davon aus, dass der Andere, weil er dieselbe Biologie hat, auch ähnlich denken muss wie man selbst – aber das ist vielleicht gar nicht der Fall. Abhängig von den Erfahrungen, die wir gemacht und die Probleme die wir gelöst haben, entwickeln wir wohl unterschiedliche ‚Denkstrategien‘.

Ein Metzgermeister hat andere Probleme und muss daher anders denken als ein Geisteswissenschaftler, dieser wiederum denkt anders als ein Ingenier, der anders als ein Physiker, usw.
Und deswegen bleibt das, was für den Einen logisch erscheint, für den anderen unverständliches Blabla.

Claude Lèvi-Strauss hat in seinem Buch „Das wilde Denken“ etwas ähnliches geschrieben. Es gibt zwei Erkenntnissysteme – das (mythische) ‚wilde Denken‘ der naturnahen Völker und das westlich geprägte, abstrahierende ‚wissenschaftliche Denken‘. Beide Erkenntissysteme unterscheiden sich in ihrer Herangehensweise, sind aber gleichwertig und Audruck des selben Bestrebens des Menschen seine Umwelt zu verstehen und zu ordnen.

Also; je nach Kultur, Sozialisation, Erfahrungen und Problemen mit denen wir konfrontiert sind, entwickelt der Mensch sein eigenes ‚Denksystem‘. Da kein Mensch exakt den selben Lebensweg teilt, wird auch niemals ein anderer Mensch die Welt genauso wahrnehmen und genauso ‚denken‘ wie wir selbst.

Eigentlich ein trauriger Gedanke. Wir sind uns alle biologisch so ähnlich und doch unfähig das Denken des Anderen zu verstehen. Jeder ist in seinem Denken; in seiner Konstruktion der Welt gefangen und dort völlig alleine.

Bedingungsloses Grundeinkommen: Top oder Flop?

Auf ZEIT-Online gibt es wieder mal einen Artikel über das „Bedingungslose Grundeinkommen“ – BGE – und es wird in den Kommentaren wieder mal entsprechend kontrovers diskutiert. Ich persönlich stehe mit meiner Meinung noch auf der Kippe – ich sehe die Vorteile, aber auch die Nachteile, daher würden mich weitere Meinungen, nämlich eure, interessieren.

Wer vom BGE noch nichts gehört hat, hier erstmal eine kurze Zusammenfassung der Inhalte und der Debatte:

Den Befürwortern des BGE schwebt eine komplette Umgestaltung des Steuersystems und des Sozialstaates vor. Statt Sozialhilfe, BAFÖG, Rente, Wohngeld usw. usw. würde jeder Bürger des Landes einen bestimmten Betrag ausgezahlt bekommen – meist wird von ~ 1000 € gesprochen, aber die geforderte Höhe schwankt je nach politischer Ausrichtung. Die Befürworter begründen die Forderung damit, dass im Zuge der Digitalisierung und Automatisierung etliche etablierte Berufsfelder wegfallen werden – schon heute wäre etwa die Arbeit als Kassierer/Kassiererin im Einzelhandel durch automatische Bezahlstationen zu 100% substituierbar.
Daher befürchten sie eine Zunahme schlecht bezahlter Hilfsjobs, wie Paketzusteller, oder gar Massenarbeitslosigkeit mit folgender Verarmung und ‚Lohnsklaverei‘. Mit einem BGE könnte die Verarmungstendenz aufgehalten werden und die Menschen frei sein, ihren wahren Leidenschaften zu folgen, statt in schlecht bezahlten Jobs zu versumpfen. Bezahlt würde das BGE durch Einsparungen in der Bürokratie und hohen Steuern auf Einkommen sowie die Arbeitsleistung der Roboter in den Fabriken.

Aber gerade die Bezahlbarkeit des BGE bezweifeln die Kritiker. Man spricht hier nämlich von Ausgaben in der Höhe von ~ 1 Billionen Euro. Und selbst wenn es bezahlbar wäre, basiert es auf der Annahme, dass die Menschen auch weiterhin arbeiten würden. Auch das wird bezweifelt, denn wer würde dann noch als ‚Entsorgungs-/Pflege-/Sonstwas-Fachkraft arbeiten? Diese Jobs sind schlecht bezahlt und anstrengend. Ergo würden sich fast alle auf die faule Haut legen und unsere Wirtschaft und direkt danach die Gesellschaft zusammenbrechen.

Beach Crowd

Das Horrorszenario der Kritiker: Alle fahren nach Hiddensee zum Baden und keiner bringt den Müll weg ©Shane Burkhardt, Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0/,

Wie eingangs gesagt, ich bin in meiner Meinung noch nicht so ganz gefestigt.

Den Kritikern gebe ich Recht, dass die großen Profiteure diejenigen wären, welche kreativ arbeiten (wollen) – also Leute wie ich, die Militärgeschichte und sonstige brotlose Kunst studieren: Ich würde mich mit einem BGE in einer Stadt mit relativ günstigen Mieten und einer Universitätsbibliothek niederlassen, einen Teilzeitjob annehmen (gerne auch Müllmann) und mich ansonsten meinen Studien der Artillerie des 19. Jahrhunderts widmen. Aber wer würde noch die Anstrengung einer Ausbildung zum Arzt auf sich nehmen, wenn ich am Ende vom BGE nichts habe, da es bei höheren Einkommen wegversteuert werden soll; man also durch eine gute Ausbildung 1000€ ‚verschenken‘ würde?
Leistung würde sich nicht lohnen und dass Wirtschaftsysteme Anreize bieten müssen, damit Leistung erbracht wird, wissen wir seit dem Ende des Kommunismus.

Auch stimme ich zu, dass ein BGE höchst disruptiv wirken würde. Bisher schlecht bezahlte Jobs, die nicht durch Maschinen ersetzt werden können, müssten besser bezahlt werden, aber nachdem es sich dabei meist um Dienstleistungen handelt, die teurer werden würden, wer könnte sich diese dann noch leisten? Würde ein BGE am Ende nicht doch bedeuten, dass alles teurer werden würde, man defacto mit BGE nur am Existenzminimum lebt und doch wieder einen ‚miesen‘ Job annehmen muss? Sich also doch nichts ändert?

Gleichzeitig sehe ich aber auch die Argumente der Befürworter. Digitalisierung und Automatisierung werden den Arbeitsmarkt verändern und wenn wir nicht wollen, dass Teile der Bevölkerung abgehängt werden, braucht es neue Ideen für unsere Sozialsysteme.

Germanwings und Nineeleven

Vielleicht habt ihr es mitbekommen, aber vor ein paar Tagen hat der Vater des Piloten Andreas Lubitz, der vor zwei Jahren die Germanwings-Maschine in den französischen Alpen hat abstürzen lassen, ein Gutachten vorgelegt, welches beweisen sollte, dass es eben keine Absicht war, sondern ein Unfall. Naja, also bewiesen wird nichts, es werden nur Zweifel an Details im Ermittlungsbericht geschürt:

Van Beveren glaubt nicht an einen Suizid als Auslöser des Absturzes. Eine mögliche Ursache der Katastrophe sieht der Gutachter vielmehr in einer besonderen Wetterlage, möglicherweise kombiniert mit technischen Mängeln

Aber die Hintergründe und die Kernaussagen des neuen Gutachtens könnt ihr auf Zeit Online nachlesen, denn um die echten und vermeintlichen Fakten geht es mir hier nicht, sondern um die Debatte, die sich im Kommentarbereich entfaltet.

Denn interessant an der Geschichte ist schon lange nicht mehr die Ursache des Absturzes, sondern was daraus gemacht wird. In meiner Jugend habe ich mich viel mit den diversen Verschwörungstheorien um 9/11 beschäftigt und mir Kommentarschlachten mit „Truthern“ in Internetforen geliefert (sinnloses Unterfangen, hätte ich mal lieber für die Schule gelernt!) und in den Kommentaren bei ZON meine ich ein Muster zu erkennen, welches Germanwings und Nineeleven verbindet.

Es geht um die Anschuldigung, dass Ermittler und Medien sich innerhalb von Stunden auf einen Tathergang eingeschossen und alternative Erklärungen ausgeblendet hätten. Wie wir wissen, entwickelten sich bei 9/11 aus diesen latenten Zweifeln und unter dem Vorwand „man wolle ja nur Fragen stellen“ eine Vielzahl von Verschwörungstheorien. Und genau dieses vermeintlich unschuldige Fragenstellen findet sich auch jetzt in der Germanwings-Debatte:

Kommentator Albert Einstein:
Das Gutachten hat einige Fragen aufgeworfen, die man nicht einfach so beiseite legen kann. Man hat sich tatsächlich binnen 48 Stunden auf die These festgelegt, dass das Unglück in suizidaler Absicht herbeigeführt wurde.

Inzwischen habe ich gewisse Zweifel.

Fragen stellen ist schön und gut, aber Antworten liefern ist komplizierter. Und genau liegt das Problem mit der neuen Hypothese von Tim van Beveren. Denn addiert man die Zweifel, die vielleicht in einzelnen Punkten berechtigt sind, zu einer kohärenten Geschichte, bleibt als einzig logische Konsequenz, dass der Absturz nur eine Verkettung unglücklicher Zufälle war. Und die Verkettung ist äußerst unglücklich und damit um ein vielfaches komplizierter als die offizielle Hypothese. Denn damit die Theorie funktioniert, muss man folgende Annahmen machen:

Der Pilot ist zufällig gerade dann nicht im Cockpit, wenn plötzlich Turbulenzen auftreten und kommt nicht mehr zurück in die Kabine, weil die Türverriegelung zufällig in diesem Moment kaputt geht und der Co-Pilot nicht mehr in der Lage ist dem Piloten zu öffnen, weil er vermutlich ohnmächtig geworden ist, aber vor der Ohnmach noch in der Lage war die Flughöhe auf 30 Meter abzusenken (aber ohne Meldung an die Flugsicherung), weil 30 m die sicherste Flughöhe bei Turbulenzen ist, gerade wenn man sich kurz vor dem Alpenhauptkamm befindet (oder aber, die Höhenregulierung ist ebenfalls im ungünstigsten Zeitpunkt kaputt gegangen) und dass der Co-Pilot ein paar Tage vor dem Absturz noch kurz recherchiert wie die Türverriegelung funktioniert (die ja dummerweise kaputt gegangen ist) ist dann halt einer der dümmstmöglichen Zufälle…

Dass der Vater von Andreas Lubitz alles versucht, den guten Namen seines Sohnes zu retten, sei ihm gegönnt, aber woher kommt die Anteilnahme mancher Kommentatoren, die bereitwillig jedes Argument aufgreifen, welches dem Ermittlungsbericht und der Medienberichterstattung widerspricht, selbst wenn die neue Erklärung dem Sparsamkeitsprinzip, auch Ockhams Rassiermesser genannt, völlig entgegenläuft?

  1. Von mehreren möglichen Erklärungen für ein und denselben Sachverhalt ist die einfachste Theorie allen anderen vorzuziehen.
  2. Eine Theorie ist einfach, wenn sie möglichst wenige Variablen und Hypothesen enthält und wenn diese in klaren logischen Beziehungen zueinander stehen, aus denen der zu erklärende Sachverhalt logisch folgt.

Meiner Meinung nach geht es hier nicht mehr um ‚die Wahrheit‘, oder darum Menschen mit psychischen Erkrankungen vor Stigmatisierung zu schützen, oder um berechtigte Zweifel, sondern um latenten Elitenhass – der allgegenwärtige Vorwurf, dass man ‚denen da oben‘ nicht mehr trauen könne und der ‚Lügenpresse‘ sowieso nicht.
Ich sehe zwar nicht, dass sich wie bei 9/11 ein ähnliches Konglomerat an Verschwörungsmüll entwickeln wird (der BND ist halt nicht cool genug), aber ich prophezeie, dass das Gutachten als Beleg für ‚Lügenpresse-Vorwürfe‘ Verwendung finden wird.