Die Feld-Lafette der preußischen Hinterladergeschütze c/61

Im Jahr 1861 wurden die ersten serienreifen, gezogenen Hinterlader-Geschütze in der preußischen Armee in Dienst gestellt. Während die Royal Army ihre Armstrong Geschütze wieder ausmusterte und Frankreich sowie Österreich auf gezogene Vorderlader (System „La Hitte“ und M.1863) setzten, die äußerlich noch genauso aussahen wie die Geschütze in den Napoleonischen Kriegen, machte Preußen einen großen Schritt in die Richtung der Artillerie, wie wir sie heute kennen.

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Manöver der preußischen Artillerie. Das gezeigte Geschütz ist vom Typ c/73

Häufig nicht beachtet oder nur unzureichend beschrieben bleiben die Lafetten – anders als die Rohre, deren Technik viel Aufmerksamkeit erfährt. Dabei machen Lafetten, also das Untergestell auf welchem das Rohr befestigt ist, ein Geschütz überhaupt erst fahrbar und damit im Feld einsatzfähig. Möchte man die Entwicklung der Lafettentechnik im 19. Jahrhundert nachvollziehen (so wie ich), steht man hier in Deutschland aber vor einem Problem. Bedingt durch die Bombardements im Zweiten Weltkrieg (sowie anderen Gründen) haben nur wenige Feldgeschütze aus dem 19. Jahrhundert überlebt und hier meist nur die Rohre. Damit fehlen die Anschauungsbeispiele, was die Erforschung der Geschichte der deutschen Artillerie im 19. Jahrhundert erschwert. Hinzu kommt ein wohl generelles Desinteresse an der Artillerie des 19. Jahrhunderts.

Zugegeben, die Frage, welcher Geschütztyp welche Lafette benützte und wie deren Technik aussah ist alles andere relevant. Aber da die Literatur gibt hierauf kaum Antworten, daher habe ich mir mal die Mühe gemacht und die entsprechenden Informationen recherchiert. Bei dem Buch erster Wahl für die Technik der Artillerie rund um die Einigungskriege ist das Buch von „Witte, W.: Die gezogenen Feldgeschütze nach ihrer Einrichtung, Ausrüstung etc, nebst einigen Regeln für die Behandlung des Materials, Berlin 1867“.  Für das Rohre des Artillerie-Materials c/61, c/64 und c/67 finden sich bei hier alle nötigen Informationen, aber für die Lafetten der ersten Hinterlader jedoch nur den knappen Satz, dass die vorhandenen Lafetten, Protzen und Wagen des Material c/42 zweckentsprechend abgeändert wurden (S.1).  Aber was genau waren die „zweckentsprechenden“ Änderungen?

Auch Wikipedia ist hier keine große Hilfe. Es findet sich zwar die zusätzliche Information, dass die Lafette die Bezeichnung c/42/56 oder auch c/56/61 trug, was anzeigt, dass die Lafette bereits 1856 einer Veränderung unterzogen wurde. Aber auch hier findet sich keine Erläuterung, was sich verändert hatte. Auf der Wiki-Seite zur c/61 findet sich auch auch ein Bild, was eine vermeintliche c/61 zeigt, aber bei genauerem Studium sowie der Suche nach weiteren Bildern finden sich auch hier Ungereimtheiten.

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Eine in Saarlouis ausgestellte c/61. Das Rohr ist korrekt, die Lafette jedoch nicht. Foto by Piusfuchs, Lizenz CreativeCommons

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Die Lafette der c/61 in Saarlouis aus der Rückansicht. Die Details der Achskästen sowie die konvergierende Lafette zeigen, dass diese wohl eher nicht deutscher Herkunft ist. Foto by Piusfuchs, CreativeCommons

Während das Rohr eindeutig eine preußische 6-pfünder vom Typ c/61 ist, ist die Lafette weder Original noch passend, da nicht deutsch. Das zeigt sich zum einen an den konvergierenden Lafettenwänden. In den deutschen Ländern, inklusive Österreich, waren bis 1873 parallel gestellte Lafettenwände eindeutiger Standard und mir ist derzeit kein deutscher Staat bekannt, in dem dies anders gewesen wäre. Ausländische Mächte verwendeten jedoch durchaus andere Konstruktionen und gerade die Briten waren offener. Schon in den Napoleonischen Kriegen wurde als Lafettentyp sogenannte Blocklafetten eingesetzt. Auch die beiden Achskästen – in denen zusätzliches Material verstaut werden konnte – deuten auf eine eher britische Herkunft (bzw. britisch inspiriert) der Lafette hin, da diese auch für die britische Feldartillerie ein typisches Feature waren. Damit scheidet das in Saarlouis ausgestellte Geschütz als Antwort auf die Frage nach der Lafette der c/61 aus.

Das Material c/42/56

Da die Lafette c/42/56 eine Weiterentwicklung des Artillerie-Materials c/42 war, hilft es, wenn wir uns zunächst die Ursprungsversion betrachten:

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Die technische Zeichnung stammt aus „Kameke, H.F.: Die preussische Feld-Artillerie nach der Construction vom Jahre 1842, Berlin 1847, Blatt 2“

Auffällig ist, dass an der Lafette und dem Geschütz c/42 nichts auffällig ist. Die Technik der Artillerie ist noch identisch mit der Artillerie der Napoleonischen Kriege 30 Jahre vorher und schon hier gab es keine großen Unterschiede zur Artillerie im Siebenjährigen Krieg. Das Rohr (das noch glattläufig ist) hat seine repräsentativen Schmuckelemente eingebüßt und die Lafette mit den stabilisierenden Eisenbändern wurde verschlankt, um Gewicht einzusparen.

Aber was wurde für die Lafette c/42/56 verändert? Auch wenn keine originalen Geschütze aus der Zeit überlebt haben, konnte ich im Museum der Zitadelle Spandau ein Modell einer c/61 finden:

Modell c/61 Front

Modell der c/61 im Exerzierhaus der Zitadelle Spandau

Solche Modelle wurden von den Artillerie-Werkstätten der Armeen gefertigt, um ihr Portfolio zu präsentieren. Diese Modelle bieten einen guten Anhaltspunkt sollten aber nicht ganz genau genommen werden. Bei dem oben gezeigten Modell sind beispielsweise die Räder völlig unproportioniert, ebenso fehlt der typisch mittelblaue Anstrich und auch die Beschlagteile aus Eisen waren geschwärzt. Aber die Technik an sich ist detailgetreu wiedergegeben.

Von diesem Modell lässt sich also historische Gestalt der Lafette c/42/56 ableiten. Zunächst die Ähnlichkeit der Lafette. Auf einem hölzernen Querbalken (dem sogenannten Achsfutter, welches die eiserne Achse umschließt) ruhen zwei parallele Lafettenwände, die durch Stirn-, Mittel- und Schwanzriegel verbunden sind.

Details des Modells der c/61

Details der Lafette c/42/56 im Exerzierhaus der Zitadelle Spandau. Lafettenkasten, Richtmaschine, Achssitze und Mitnehmer sind neu.

Die auffälligste Veränderung ist die Einführung der Achssitze, die auf dem Achsfutter befestigt wurden und auf denen zwei Kanoniere während der Fahrt Platz nehmen konnten. Um die Achssitze stabil zu halten wurde eine auf beiden Seiten eine Querstrebe (der sogenannte Mitnehmer) gezogen, auf der der Sitz ruht. Mit den beiden Achssitzen führt die Lafette c/42/56 als erstes Artillerie-Material (soweit ich weiß) ein technisches Feature ein, was spätestens ab 1870 von allen europäischen Artillerien übernommen wurde. Zur Frage, warum Achssitze ab 1860/70 eingeführt worden sind, kann ich im Moment nur spekulieren. Ich vermute, dass sich die Einsatzgrundsätze der Artillerie veränderten – vermutlich hin zu einem offensiveren Einsatz – so dass es notwendig wurde, schnellere Stellungswechsel durchzuführen. Während die Kanoniere vorher an der Seite der Geschütze marschierten, konnten sie nun schnell auf der Lafette und der Protze Platz nehmen und an neuer Position auffahren.

Verändert wurde auch die Richtmaschine und ein Lafettenkasten wurde neu eingeführt. Anhand des Modells vermute ich, dass beides identisch mit der späteren Lafette c/64 sind. Der Lafettenkasten bestand aus Eisenblech und war am Mittelriegel und den Lafettenwänden angeschraubt. Darin befanden sich kleinere Zubehörteile des Geschützes, etwa Ölflaschen, Lappen und ein „Lader“. Die Technik und Details der Richtmaschine sind gut bei „Witte, Die gezogenen Feldgeschütze, S.25“ beschrieben, so dass ich hier nicht näher darauf eingehen muss.

Richtmaschine c/64

Die Richtmaschine der c/64 Geschütze. Verlag von August Stein, Potsdam – Zeichnungen zur Waffenlehre. 4.Auflage, Blatt 11, Figur 23. Publick Domain

Und damit erschöpfen sich die Änderungen auch wieder. Diese Lafettenvariante dürfte auch die typische Lafette der preußischen Artillerie während des deutsch-dänischen Krieges 1864 gewesen sein, zumindest für die schwere Feldartillerie, die mit 6-pfündigen c/61 ausgestattet war.

Fazit

Es lässt sich festhalten, dass die Lafette c/42/56 eine Mischung aus Alt und Neu ist. Sie verbindet die Artillerietechnik des Siebenjährigen Krieges und der Napoleonischen Kriege mit der verfeinerten Technik der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und war stilprägend für die weiteren Entwicklungen in Preußen und dem späteren Deutschen Reich. Aus militärhistorischer Perspektive spiegeln sich in den zarten Veränderungen der Lafette c/42/56 auch taktische Veränderungen der Artillerie auf dem Schlachtfeld. Leichtere Lafetten und erhöhte Mobilität erlaubten einen offensiveren Einsatz der Batterien, was im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 schlacht- und kriegsentscheidend werden sollte.

Bibliographie

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