Das schizophrene Verhältnis der Deutschen zur Schönheit

Gerade wieder die Serie „Deutschland von Oben“ auf Phönix gesehen. An sich eine schöne Serie, aber die Macher haben ein ziemlich gespaltenes Verhältnis zur Schönheit.

Sie zeigen die Krämerbrücke in Erfurt, fliegen über Marktplätze von Wimpfen und Dinkelsbühl, inszenieren die Altstadtidylle, nutzen sie, um zu zeigen, wie schön Deutschland ist – nur um dann zu kommentieren: „Dinkelsbühl sieht aus, wie frisch aus dem Spielzeugladen“ und „Das könnte so auch auf einer Modelleisenbahnanlage stehen.“

Was soll das? Sind idyllische Stadtbilder nur was für Kinder und ‚kindische‘ Erwachsene?

Ochsenfurt

Fachwerk in Ochsenfurt – CC

Der Kommentare ist keine Einzelmeinung, sondern spiegelt das wieder, was täglich in Politik und Medien über Schönheit gesprochen wird. Vor kurzem wurde die wiederaufgebaute Frankfurter Altstadt eröffnet. Menschen strömen in Scharen hinein und sagen an jeder Ecke, wie schön es ist. Es zeichnet sich ab, dass die Altstadt ein riesen Erfolg wird, aber was sagt die Politik? „Jetzt reicht’s erstmal. Schluss mit Rekonstruktionen! Wir bauen wieder zeitgenössisch.“ Es ist egal, dass der Wiederaufbau ein Erfolg ist. Es ist egal, dass es den Menschen gefällt. In den Medien dasselbe Bild: Man spricht von Disneyland, Zuckerbäckerstil und Kulissen.

Zugegeben, Rekonstruktionen fehlt die historische Authentizität, aber warum werden dann auch authentische Idylle, wie die gezeigten Erfurt und Dinkelsbühl, begrifflich abgewertet? Haben wir es schon so verinnerlicht, dass alles was schön ist, irgendwie schlecht, kindisch-naiv sein muss? Dass nur Hässlichkeit authentisch und damit in Ordnung ist? Warum können wir nicht einfach zu etwas stehen und sagen: „Ja, das gefällt mir“?

Dies ist unser perverses Verhältnis zur Schönheit. Wir lieben Schönheit und Idylle, aber gleichzeitig wirken in uns Kräfte (soziale-konstruierte Narrative?), die uns in die andere Richtung zerren, die uns dazu zwingen, dass wenn uns etwas gefällt, dies gleichzeitig abzuwerten, um unser Gesicht als „moderner und erwachsener Mensch“ zu wahren. Aber was ist falsch daran, dass Schöne und Idyllische zu mögen? Ist man wirklich ‚kindisch‘, wenn man sich nicht mehr mit der gebauten Hässlichkeit deutscher Städte abfinden möchte?

Wie auch immer, dass schizophrene Verhältnis der Deutschen zur Schönheit erinnert an das Flirtverhalten verschämter 13-jährige Teenager. Man entdeckt in sich das verwirrende Gefühl, dass Jungs und Mädchen doch nicht so blöd sind, wie man in der Grundschule noch fest geglaubt hat. Erste zarte Anbahn-Versuche werden von den Freunden mit höhnischem „DUU MAAAGGST SIEE!!! HAHAHAH!!“  verlacht und um sein Gesicht zu wahren, verleugnet man sich selbst und rudert schnell zurück: „Stimmt doch gar nicht! Sie ist voll doof! Halts Maul!“.

Ja, dies ist das Kulturniveau, auf dem wir uns in Deutschland aktuell bewegen.

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Kann Schönheit doch objektiv sein? Zusammenfassung der Podiumsdiskussion der Bundesstiftung Baukultur am 15.2.18

Einleitung

Am 15. Februar 2018 lud die Bundesstiftung Baukultur​ alle Interessierten zu einer Podiumsdiskussion mit dem Thema „Schön und gut“ ein. Die Grundfrage war, ob Schönheit tatsächlich nur im Auge des Betrachters liege oder ob es nicht doch objektiv Maßstäbe für eine emotional auf uns wirkende Baukunst gibt. Die Diskussion fand in der Bar Kosmetiksalon Babette in der Karl-Marx-Allee 36 unweit des Alexanderplatzes in Berlin statt. Nach einer Begrüßung folgten vier 15minütige Vorträge der Diskutanten, danach schloss sich eine Podiumsdiskussion an. Das das Thema auf für APH interessant ist, habe ich mitgeschrieben und gebe euch eine Zusammenfassung.

Als Diskutanten eingeladen waren: Prof. Andreas Denk (Architekturkritiker und Chefredakteur „der architekt“ [sic!]), Dr. Martin Düchs (Architekt und Philosoph an der Uni Bamberg), Jürgen Tietz (Architekturkritiker), Claudia Meixner (Architektin Meixner Schlüter Wendt Architekten) sowie Prof. Dr. Mirijam Schaub (Philosophin der Kunsthochschule Halle). Rainer Nagel, Vorstandsvorsitzender der Bundesstiftung Baukultur, moderierte die Diskussion. Den drei Modernisten (Denk, Tietz, Meixner) standen zwei „Ästheten“ (Düchs, Nagel) gegenüber.

taj-mahal

Ist das Taj Mahal nur relativ schön? Liegt Schönheit nur im Auge des Betrachters? Oder gibt es doch objektive Maßstäbe? Foto by Joel Godwin (Own work) [CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)%5D, via Wikimedia Commons, https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3ATaj-Mahal.jpg

Impulsvortäge

Den einführenden Vortrag hielt Prof. Denk, welcher einen kurzen Abriss der Geschichte der Schönheit, bzw. welche Regeln als Bedingung für Schönheit definiert wurden, lieferte. Natürlich sprach er auch über die klassische Form- und Proportionslehre (Goldener Schnitt), aber er vertrat hier Meinung, dass Maß und Zahl alleine nicht ausreichen würden, um die Schönheit eines Gebäudes zu definieren. Ebenso Teil der Schönheit eines Gebäudes seien auch die „inneren Werte“ wie die Funktionalität oder sogar auch, wieviel Geld das Gebäude kostete und ob es innerhalb des Budgets blieb. Damit vertritt er eine typische relativistische Meinung, dass alles irgendwie schön sei, wenn man nur lang genug danach suche.

In seinem Vortrag mit dem Thema „Moral und Schönheit in der Architektur“ stellte Dr. Düchs die Fragen in den Raum, ob schöne Architektur auch moralisch schlecht sein und ob hässliche Architektur auch moralisch gut sein könne. Er verneinte dies ganz entschieden. Hässliche Architektur ist immer moralisch schlecht. Denn der Mensch ist ein Wesen, das nach Schönheit strebt, daher ist Schönheit eine notwendige Bedingung von moralisch guter Architektur und Schönheit muss wieder Teil jeder baumeisterlichen Ethik werden. Weitergedacht bedeutet das, dass hässliche Architektur eine ständige Beleidigung und Erniedrigung des Menschen ist.

Jürgen Tietz wiederum nahm eine andere Richtung und argumentierte, dass auch hässliche Architektur einen Denkmalwert habe. Er machte dies an einem Flakhochbunker aus dem Zweiten Weltkrieg fest, welcher unbedingt als Zeuge dieser Epoche erhalten werden müsse. Auch sei Schönheit kein guter Maßstab, denn der Mensch findet das schön, was er kennt und wiederholte damit den Relativismus von Denk, dass alles irgendwie schön sein kann.

An seinem Vortrag störte mich, dass er gegen einen Strohmann argumentierte. Kaum jemand würde abstreiten, dass auch hässliche Gebäude einen Denkmalwert haben können, aber damit wird Schönheit wieder mit anderen Kategorien vermischt, mit denen es nichts zu tun hat – ein Gebäude kann schön, aber nutzlos, oder funktional und schön, oder ein wichtiger Teil der Geschichte sein – das eine hat nichts mit dem anderen zu tun und bedingt sich nicht gegenseitig.

Auch finde ich die Argumentation, dass man nur das schön finde, was man kenne, problematisch und auch faktisch falsch. Problematisch, weil damit die Meinung von Menschen, welche zb. Ein modernes Gebäude als „hässlich“ wahrnehmen, ganz leicht als ‘kleingeistig‘ abgestempelt werden kann, weil sie nicht offen genug seien. Falsch, weil es wohl kaum einen Menschen gibt, egal aus welcher Region der Welt, der nicht von der Kathedrale von Arras, von der mit Schnitzerein aus Holz verzierten Moscheen in Meknes, dem Taj Mahal oder Santorini fasziniert ist. Jedes dieser Gebäude und Stadtbilder entstammt einem anderen Kulturkreis, werden aber dennoch übergreifend als schön wahrgenommen.

(Die große Moschee von Meknes, erbaut im 11. Jhd., by Daemon11 (Own work) [CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0​)], via Wikimedia Commons)

Weiter ging es mit der Architektin Claudia Meixner, die über die räumliche Präsenz von Architektur sprach. Sie stellte vor allem Arbeiten ihrer Firma vor, die vor allem den Raum skulptural fassen sollten. Interessant war, dass sie offen zugab, dass sie ihre Bauten niemals als schön bezeichnen würde. Wichtiger sei die die „Idee“ dahinter, weswegen manche Entwürfe auch „Landeklappen“ haben. Inwiefern dies mit ihrem Lieblingsgrundsatz „form follows function“ vereinbar war, hat sich mir jedoch nicht so ganz erschlossen.

Zuletzt sprach die Philosophin Mirijam Schaub über den Schönheitsbegriff und bezog sich vor allem auf Kant. Sie betonte, dass Schönheit etwas anderes sei, als Funktionalität und das man den Begriff Schönheit daher klarer definieren müsse.

Podiumsdiskussion

Die Podiumsdiskussion drehte sich dann um die Fragen, ob es ein übergreifende Wahrnehmung von Schönheit gebe und welche Verantwortung Architekten haben. Als Belege für eine übergreifenden Maßstab von Schönheit wurde das Pantheon – welches immer emotional wirke – sowie die Elbphilarmonie, welche ebenfalls kollektive Begeisterung auslöste – angeführt. Insbesondere Düchs kritisierte das ständige relativieren, das alles irgendwie schön sein könne. Durch diese Kritik kam auch bei Prof. Denk Bewegung rein und musste zugeben, dass der Begriff „schön“ immer mit anderen Adjektiven vermischt werde. Oft spricht man von „schön“ wenn man eigentlich „interessant“ meinte.

Dann wurde diskutiert, was es mit der Ornamentik auf sich hat. Natürlich lehnten die drei Modernisten Ornamente per se ab. Meixner gab hier eher unreflektiert den Glaubensgrundsatz „form follows function“ zum Besten. Rainer Nagel zitierte aus Umfragen der Bundesstiftung Baukultur, welche zeigten, dass sich die Menschen wieder mehr Ornamentik wünschen, da sich damit wohl fühlen. Denk betonte, dass es nicht Aufgabe der Architekten sei, dass zu bauen, was sich die Masse wünsche, da Architekten vor allem ihrer Zunft verpflichtet seien und den Bauherrn vor seinen Verirrungen beschützen müsse. Düchs griff das auf und kritisierte, dass Architekten eine Verantwortung der gesamten Gesellschaft gegenüber haben. Deren Wünsche zu ignorieren sei arrogant und paternalistisch.

Eigene Meinung

Für mich wurde eins deutlich: Schönheit ist durchaus objektiv greifbar, was aber höchst subjektiv ist, ist, ob Schönheit einem wichtig ist. In Kunst und Architektur erleben wir, dass Schönheit unwichtig, die „Idee“, das Interessante, jedoch alles ist. Mit dieser Denke schränken sich Architekten vor allem selbst ein. Wenn sie sich nur „function“ versteifen, bleiben sie zwangsläufig immer unterhalb ihrer Möglichkeiten bleiben. Erst wenn ein Gebäude (angelehnt an Vitruv) Festigkeit, Funktion, Schönheit und Idee in sich vereint, kann es ein wahres Meisterwerk werden.

Was in Architektur und Städtebau falsch läuft

Während wir hunderte von Euros ausgeben, um schöne Städte wie Amsterdam und Prag zu erleben, vegetieren deutsche Städte in Hässlichkeit dahin. Noch viel schlimmer – uns wird erzählt das sei „modern“ und „fortschrittlich“. Daher werde ich in der Blog-Serie „Was in Architektur und Städtebau falsch läuft“, die uns umgebende, alltägliche Hässlichkeit kommentieren. Thema heute: „Unangepasstes Bauen oder auch: Hauptsache Funktion!“

Früher war nicht alles besser, der Städtebau aber schon. Denn wenn Städteplaner und Architekten eins verlernt haben, dann ist es Ensembles, Plätze und Gassen zu schaffen. In einer auf die Spitze getriebenen Ideologie des „form follows function“ wird bestenfalls nur noch die Fassade zur Hauptstraße gestaltet, während der Rest in zweckmäßiger Hässlichkeit die Augen belästigt. Man ignoriert, dass jedes Gebäude fünf Seiten hat und jede der Seiten in einem Kontext stehen. Nämlich dem Kontext der umgebenden Architektur.

Ein großes Problem unserer Städte ist, dass der Kontext negiert wird. Jedes Gebäude wird so entworfen, als würde es keine Nachbarn haben, als wäre es ein Solitär. Dies führt dazu, dass so etwas wie schöne Plätze, ruhige Hinterhöfe oder malerische Gassen nicht mehr entstehen können. Die Seiten eines Gebäudes werden nicht mehr eingepasst, sondern der Funktion unterworfen.

Unangepasste Architektur zerstört Stadträume

Was das bedeutet, illustriert folgendes Beispiel. Es trifft hier das Augsburger Zeughaus, gebaut von Elias Holl 1602-1607, auf ein Gebäude eines großen Modehauses. Das Zeughaus mit seiner imposanten Barockfassade lädt geradezu dazu ein, hier eine schöne Platzsituation zu gestalten. Stattdessen hat man sich dazu entschieden, einen fensterlosen, blockförmigen Quader hinzuklatschen und hat damit einen Hinterhof mit der Ästhetik eines verdreckten Industriegebiets erschaffen. Hier könnten auch Mülllaster ein- und ausfahren. Schade um diesen historischen Bau!

Das Augsburger Zeughaus. (gemeinfrei)

 

 

 

 

Der Master of Arts

Oder. Über das Ansehen und die Verzweiflung der Geisteswissenschaftler.

Wer arbeitet so spät bei Nacht und Wind?
Es ist der Student mit seinem Kind;
er schreibt die Arbeit wohl mit dem Arm,
er schreibt sicher, hält seine Ideen warm.

Mein Sohn, was schreibst du so eifrig bei diesem Licht?
Kennst, Vater, du die Chancen des Master of Arts nicht?
Den Master mit Einskommanull?
Mein Sohn, es ist kein Hoffnungsstreif!

Erlkoenig_Schwind

Man kann nicht ewig vor dem 1. Arbeitsmarkt davonlaufen – Illustration zum Erlkönig, von Moritz von Schwind – Old Postcard: F. A. Ackermann’s Kunstverlag, München. Universal-Galerie, Serie 213, Nr. 2175b. Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=7104703

„Du schlauer Student, komm, geh mit mir!
Gar schöne Projekte mach‘ ich mit dir;
Manch tolle Jobs gibt’s in diesem Land
Du verdienst dir ein gülden Gewand.“

Mein Vater, mein Vater, hörest du nicht,
was der Master of Arts mir leise verspricht?
Sei ruhig, bleibe ruhig, mein Kind;
Auf dem dürren Arbeitsmarkt säuselt der Wind.

„Willst, feiner Student, du mit mir gehen?
die Alumnis sollen dich warten schön;
Die Alumnis führen den nächtlichen Reihn
Und wiegen und tanzen und singen dich ein.“

Mein Vater, mein Vater, aber siehst du nicht dort
Die erfolgreichen Alumnis am Studienort?
Mein Sohn, mein Sohn, ich seh‘ es genau:
Es scheinen die alten Professoren so schlau.

„Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt.
Und bist du nicht willig so brauch‘ ich Gewalt“
Mein Vater, mein Vater, jetzt sitze ich in einem Kran,
der Master of Arts hat mir ein Leids getan!

Dem Vater grauset’s; er fährt geschwind,
er hält in Armen das arbeitslose Kind,
Erreicht die Technische Fakultät mit Mühe und Not;
Doch in seinen Armen der Student war tot.

Wir sind uns biologisch so ähnlich und doch denkt Jeder für sich alleine

Oliver Gabath hat auf den Scienceblogs eine interessante Beobachtung gemacht – der Anteil von Ingenieuren an den sogenannten ‚Cranks‘ – Menschen, die glauben ganz alleine in den grundlegenen Theorien der modernen Naturwissenschaften (zb. Relativitätstheorie) Fehler entdeckt und korrigiert zu haben – ist gefühlt höher als der Anteil anderer Berufsgruppen. Er stellt die These auf, dass Ingenieure zwar eine ähnliche naturwissenschaftliche Ausbildung wie Physiker haben, aber am Ende doch gelernt haben, anders zu denken und deswegen anfällig für das Cranktum sind:

http://scienceblogs.de/quovadis/2017/07/06/cranks-warum-gerade-ingenieure/

Ich finde die These, dass es an einer anderen Art zu denken liegt, spannend und denke, dass das auch auf andere Bereiche ausgedehnt werden kann, um zu erklären, warum manchmal zwei Menschen den selben Sachverhalt völlig unterschiedlich interpretieren.

Mir fällt das zum Beispiel auf, wenn ich mit Verschwörungstheoretikern diskutiere – die selben Fakten, aber am Ende kommen zwei völlig verschiedene Weltanschauungen dabei heraus. Und ich habe nicht den Eindruck, dass die Menschen mit denen ich streite irgendwie ‚dümmer‘ sind als ich.
Am Ende neigen wir meistens dazu, den Anderen, der nicht verstehen will (oder kann) als ‚geistig gestört‘ abzutun – aber nein, es sind ’normale‘ Menschen, sie denken einfach nur anders.

Wir Menschen gehen wohl unbewusst davon aus, dass der Andere, weil er dieselbe Biologie hat, auch ähnlich denken muss wie man selbst – aber das ist vielleicht gar nicht der Fall. Abhängig von den Erfahrungen, die wir gemacht und die Probleme die wir gelöst haben, entwickeln wir wohl unterschiedliche ‚Denkstrategien‘.

Ein Metzgermeister hat andere Probleme und muss daher anders denken als ein Geisteswissenschaftler, dieser wiederum denkt anders als ein Ingenier, der anders als ein Physiker, usw.
Und deswegen bleibt das, was für den Einen logisch erscheint, für den anderen unverständliches Blabla.

Claude Lèvi-Strauss hat in seinem Buch „Das wilde Denken“ etwas ähnliches geschrieben. Es gibt zwei Erkenntnissysteme – das (mythische) ‚wilde Denken‘ der naturnahen Völker und das westlich geprägte, abstrahierende ‚wissenschaftliche Denken‘. Beide Erkenntissysteme unterscheiden sich in ihrer Herangehensweise, sind aber gleichwertig und Audruck des selben Bestrebens des Menschen seine Umwelt zu verstehen und zu ordnen.

Also; je nach Kultur, Sozialisation, Erfahrungen und Problemen mit denen wir konfrontiert sind, entwickelt der Mensch sein eigenes ‚Denksystem‘. Da kein Mensch exakt den selben Lebensweg teilt, wird auch niemals ein anderer Mensch die Welt genauso wahrnehmen und genauso ‚denken‘ wie wir selbst.

Eigentlich ein trauriger Gedanke. Wir sind uns alle biologisch so ähnlich und doch unfähig das Denken des Anderen zu verstehen. Jeder ist in seinem Denken; in seiner Konstruktion der Welt gefangen und dort völlig alleine.

Bedingungsloses Grundeinkommen: Top oder Flop?

Auf ZEIT-Online gibt es wieder mal einen Artikel über das „Bedingungslose Grundeinkommen“ – BGE – und es wird in den Kommentaren wieder mal entsprechend kontrovers diskutiert. Ich persönlich stehe mit meiner Meinung noch auf der Kippe – ich sehe die Vorteile, aber auch die Nachteile, daher würden mich weitere Meinungen, nämlich eure, interessieren.

Wer vom BGE noch nichts gehört hat, hier erstmal eine kurze Zusammenfassung der Inhalte und der Debatte:

Den Befürwortern des BGE schwebt eine komplette Umgestaltung des Steuersystems und des Sozialstaates vor. Statt Sozialhilfe, BAFÖG, Rente, Wohngeld usw. usw. würde jeder Bürger des Landes einen bestimmten Betrag ausgezahlt bekommen – meist wird von ~ 1000 € gesprochen, aber die geforderte Höhe schwankt je nach politischer Ausrichtung. Die Befürworter begründen die Forderung damit, dass im Zuge der Digitalisierung und Automatisierung etliche etablierte Berufsfelder wegfallen werden – schon heute wäre etwa die Arbeit als Kassierer/Kassiererin im Einzelhandel durch automatische Bezahlstationen zu 100% substituierbar.
Daher befürchten sie eine Zunahme schlecht bezahlter Hilfsjobs, wie Paketzusteller, oder gar Massenarbeitslosigkeit mit folgender Verarmung und ‚Lohnsklaverei‘. Mit einem BGE könnte die Verarmungstendenz aufgehalten werden und die Menschen frei sein, ihren wahren Leidenschaften zu folgen, statt in schlecht bezahlten Jobs zu versumpfen. Bezahlt würde das BGE durch Einsparungen in der Bürokratie und hohen Steuern auf Einkommen sowie die Arbeitsleistung der Roboter in den Fabriken.

Aber gerade die Bezahlbarkeit des BGE bezweifeln die Kritiker. Man spricht hier nämlich von Ausgaben in der Höhe von ~ 1 Billionen Euro. Und selbst wenn es bezahlbar wäre, basiert es auf der Annahme, dass die Menschen auch weiterhin arbeiten würden. Auch das wird bezweifelt, denn wer würde dann noch als ‚Entsorgungs-/Pflege-/Sonstwas-Fachkraft arbeiten? Diese Jobs sind schlecht bezahlt und anstrengend. Ergo würden sich fast alle auf die faule Haut legen und unsere Wirtschaft und direkt danach die Gesellschaft zusammenbrechen.

Beach Crowd

Das Horrorszenario der Kritiker: Alle fahren nach Hiddensee zum Baden und keiner bringt den Müll weg ©Shane Burkhardt, Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0/,

Wie eingangs gesagt, ich bin in meiner Meinung noch nicht so ganz gefestigt.

Den Kritikern gebe ich Recht, dass die großen Profiteure diejenigen wären, welche kreativ arbeiten (wollen) – also Leute wie ich, die Militärgeschichte und sonstige brotlose Kunst studieren: Ich würde mich mit einem BGE in einer Stadt mit relativ günstigen Mieten und einer Universitätsbibliothek niederlassen, einen Teilzeitjob annehmen (gerne auch Müllmann) und mich ansonsten meinen Studien der Artillerie des 19. Jahrhunderts widmen. Aber wer würde noch die Anstrengung einer Ausbildung zum Arzt auf sich nehmen, wenn ich am Ende vom BGE nichts habe, da es bei höheren Einkommen wegversteuert werden soll; man also durch eine gute Ausbildung 1000€ ‚verschenken‘ würde?
Leistung würde sich nicht lohnen und dass Wirtschaftsysteme Anreize bieten müssen, damit Leistung erbracht wird, wissen wir seit dem Ende des Kommunismus.

Auch stimme ich zu, dass ein BGE höchst disruptiv wirken würde. Bisher schlecht bezahlte Jobs, die nicht durch Maschinen ersetzt werden können, müssten besser bezahlt werden, aber nachdem es sich dabei meist um Dienstleistungen handelt, die teurer werden würden, wer könnte sich diese dann noch leisten? Würde ein BGE am Ende nicht doch bedeuten, dass alles teurer werden würde, man defacto mit BGE nur am Existenzminimum lebt und doch wieder einen ‚miesen‘ Job annehmen muss? Sich also doch nichts ändert?

Gleichzeitig sehe ich aber auch die Argumente der Befürworter. Digitalisierung und Automatisierung werden den Arbeitsmarkt verändern und wenn wir nicht wollen, dass Teile der Bevölkerung abgehängt werden, braucht es neue Ideen für unsere Sozialsysteme.

Germanwings und Nineeleven

Vielleicht habt ihr es mitbekommen, aber vor ein paar Tagen hat der Vater des Piloten Andreas Lubitz, der vor zwei Jahren die Germanwings-Maschine in den französischen Alpen hat abstürzen lassen, ein Gutachten vorgelegt, welches beweisen sollte, dass es eben keine Absicht war, sondern ein Unfall. Naja, also bewiesen wird nichts, es werden nur Zweifel an Details im Ermittlungsbericht geschürt:

Van Beveren glaubt nicht an einen Suizid als Auslöser des Absturzes. Eine mögliche Ursache der Katastrophe sieht der Gutachter vielmehr in einer besonderen Wetterlage, möglicherweise kombiniert mit technischen Mängeln

Aber die Hintergründe und die Kernaussagen des neuen Gutachtens könnt ihr auf Zeit Online nachlesen, denn um die echten und vermeintlichen Fakten geht es mir hier nicht, sondern um die Debatte, die sich im Kommentarbereich entfaltet.

Denn interessant an der Geschichte ist schon lange nicht mehr die Ursache des Absturzes, sondern was daraus gemacht wird. In meiner Jugend habe ich mich viel mit den diversen Verschwörungstheorien um 9/11 beschäftigt und mir Kommentarschlachten mit „Truthern“ in Internetforen geliefert (sinnloses Unterfangen, hätte ich mal lieber für die Schule gelernt!) und in den Kommentaren bei ZON meine ich ein Muster zu erkennen, welches Germanwings und Nineeleven verbindet.

Es geht um die Anschuldigung, dass Ermittler und Medien sich innerhalb von Stunden auf einen Tathergang eingeschossen und alternative Erklärungen ausgeblendet hätten. Wie wir wissen, entwickelten sich bei 9/11 aus diesen latenten Zweifeln und unter dem Vorwand „man wolle ja nur Fragen stellen“ eine Vielzahl von Verschwörungstheorien. Und genau dieses vermeintlich unschuldige Fragenstellen findet sich auch jetzt in der Germanwings-Debatte:

Kommentator Albert Einstein:
Das Gutachten hat einige Fragen aufgeworfen, die man nicht einfach so beiseite legen kann. Man hat sich tatsächlich binnen 48 Stunden auf die These festgelegt, dass das Unglück in suizidaler Absicht herbeigeführt wurde.

Inzwischen habe ich gewisse Zweifel.

Fragen stellen ist schön und gut, aber Antworten liefern ist komplizierter. Und genau liegt das Problem mit der neuen Hypothese von Tim van Beveren. Denn addiert man die Zweifel, die vielleicht in einzelnen Punkten berechtigt sind, zu einer kohärenten Geschichte, bleibt als einzig logische Konsequenz, dass der Absturz nur eine Verkettung unglücklicher Zufälle war. Und die Verkettung ist äußerst unglücklich und damit um ein vielfaches komplizierter als die offizielle Hypothese. Denn damit die Theorie funktioniert, muss man folgende Annahmen machen:

Der Pilot ist zufällig gerade dann nicht im Cockpit, wenn plötzlich Turbulenzen auftreten und kommt nicht mehr zurück in die Kabine, weil die Türverriegelung zufällig in diesem Moment kaputt geht und der Co-Pilot nicht mehr in der Lage ist dem Piloten zu öffnen, weil er vermutlich ohnmächtig geworden ist, aber vor der Ohnmach noch in der Lage war die Flughöhe auf 30 Meter abzusenken (aber ohne Meldung an die Flugsicherung), weil 30 m die sicherste Flughöhe bei Turbulenzen ist, gerade wenn man sich kurz vor dem Alpenhauptkamm befindet (oder aber, die Höhenregulierung ist ebenfalls im ungünstigsten Zeitpunkt kaputt gegangen) und dass der Co-Pilot ein paar Tage vor dem Absturz noch kurz recherchiert wie die Türverriegelung funktioniert (die ja dummerweise kaputt gegangen ist) ist dann halt einer der dümmstmöglichen Zufälle…

Dass der Vater von Andreas Lubitz alles versucht, den guten Namen seines Sohnes zu retten, sei ihm gegönnt, aber woher kommt die Anteilnahme mancher Kommentatoren, die bereitwillig jedes Argument aufgreifen, welches dem Ermittlungsbericht und der Medienberichterstattung widerspricht, selbst wenn die neue Erklärung dem Sparsamkeitsprinzip, auch Ockhams Rassiermesser genannt, völlig entgegenläuft?

  1. Von mehreren möglichen Erklärungen für ein und denselben Sachverhalt ist die einfachste Theorie allen anderen vorzuziehen.
  2. Eine Theorie ist einfach, wenn sie möglichst wenige Variablen und Hypothesen enthält und wenn diese in klaren logischen Beziehungen zueinander stehen, aus denen der zu erklärende Sachverhalt logisch folgt.

Meiner Meinung nach geht es hier nicht mehr um ‚die Wahrheit‘, oder darum Menschen mit psychischen Erkrankungen vor Stigmatisierung zu schützen, oder um berechtigte Zweifel, sondern um latenten Elitenhass – der allgegenwärtige Vorwurf, dass man ‚denen da oben‘ nicht mehr trauen könne und der ‚Lügenpresse‘ sowieso nicht.
Ich sehe zwar nicht, dass sich wie bei 9/11 ein ähnliches Konglomerat an Verschwörungsmüll entwickeln wird (der BND ist halt nicht cool genug), aber ich prophezeie, dass das Gutachten als Beleg für ‚Lügenpresse-Vorwürfe‘ Verwendung finden wird.

Militärtechnik im Museum – Forschungsskizze Masterarbeit

Fragestellung

Seit den 1980er Jahren gab es in Deutschland einen Museumsboom, der zu einer Ausweitung und Professionalisierung des Museumswesens sowie der Museumsforschung führte. Von dieser Entwicklung profitierten auch Technik-, Geschichts- und Militärmuseen; Gelder flossen, Neubauten entstanden, gleichzeitig veränderten sich aber auch Anforderung und Zielgruppen. Äquivalent zu diesem Prozess entwickelte sich auch das neue Forschungsfeld der Museumsanalyse. Die analytische Betrachtung von Museumsausstellungen verspricht, gesellschaftliche Verhältnisse wie mit einer Lupe betrachten zu können. In Ausstellungen manifestiert sich der Zeitgeist und ist aufgrund der notwendigen Simplifizierung leicht ablesbar.

Der deutschen Geschichte entsprechend, zog gerade die Frage nach dem gesellschaftlichen Umgang mit dem Thema ‚Krieg‘ und die Veränderungsprozesse das Interesse auf sich. Teil dieser Frage ist auch, welche Rolle militärtechnische Objekte in den Ausstellungen einnehmen. Für die Zeit bis zum Jahr 1999 kam Eva Zwach in ihrer Dissertation zu dem Schluss, dass die militärtechnische Objekte den Kern der Ausstellungen bilde.1 Elf Jahre später wiederum konstatiert Thomas Thiemeyer, dass Militärtechnik zumindest in historischen Museen an Bedeutung verloren hat, Denn die reine Ansammlung und das Abstellen von Großgerät in Lagerhallen wurde als museumsdidaktisch veraltet angesehen, sodass sich die Ausstellungsgestaltung etwa im Militärhistorischen Museum der Bundeswehr in Dresden weg von der reinen Objekt- hin zu einer Konzeptausstellung veränderte. Einzig Technikmuseen würden noch eine Sonderrolle einnehmen.2

Gleichzeitig scheint es aber dennoch ein gesellschaftliches Interesse an (militärischen) Technikschauen zu geben – das Panzermuseum Munster verzeichnete im Jahr 2013 über 100.000 Besucher und im Deutschen Technikmuseum Berlin wurde 2005 eine neue Dauerausstellung zur Luft- und Raumfahrt eröffnet, welche eine Vielzahl militärischer Flugzeuge als Exponate beherbergt, die teilweise mit viel Geldaufwand geborgen und restauriert wurden. Diese Diskrepanz zwischen Marginalisierung auf der einen sowie Relevanz auf der anderen Seite wirft die Frage auf, warum sich in Technikmuseen bis dato ein ‚Reservat für Militärtechnik‘ bewahren konnte.

Daher möchte diese Arbeit am Fallbeispiel des Deutschen Technikmuseums untersuchen, welche Bedeutungen und Funktionen militärische Großgeräte im Museum einnehmen. Von besonderem Interesse ist hier die Dreiecksbeziehung zwischen Mensch – Technik – Krieg: In welche Narrative werden die Dinge eingebunden, welche Bedeutungen werden konstruiert, was wird gezeigt und warum?

Methodik

Untersucht werden die beiden Dauerausstellungen zur Geschichte der Schifffahrt sowie die Luft- und Raumfahrt im Deutschen Technikmuseum Berlin, wobei die Ergebnisse auch punktuell mit anderen Ausstellungen kontrastiert werden sollen, ohne das diese Ausstellungen ähnlich systematisch untersucht werden. Der Ausarbeitung einer theoretischen Basis zur Funktion von Dingen kommt dabei besonderes Gewicht zu. Denn obwohl sich die Museumsanalyse als Forschungsfeld einer wachsenden Beliebtheit erfreut, ist die Theorie und Methodik aufgrund des interdisziplinären Charakters bisher noch sehr diffus.3 Dies hat zur Folge, dass bisherige Untersuchungen von Ausstellungen eher Deskriptionen des Ist-Zustandes einer Ausstellung und der Empfindungen des Wissenschaftlers als tatsächliche (mögliche) Lösungen eines übergeordneten wissenschaftlichen Problems sind.4

Die Arbeit soll also auf drei Säulen ruhen. Zum einen muss eine theoretische und methodische Basis des aktuellen Forschungsstandes der Museumsanalyse und der Ding-Theorien erarbeitet werden. Darauf folgt eine museumsanalytische Untersuchung der erwähnten Ausstellungen im Deutschen Technikmuseum Berlin, um herauszufinden, welche militärtechnischen Objekte, wie und warum ausgestellt werden. Hat Militärtechnik einen inhärenten kulturgeschichtlichen Wert oder bedient die Darstellung nur die niederen Gelüste nach Unterhaltung, eine These, welche Eva Zwach vertritt? „Hier reduziert sich der Krieg auf seinen Unterhaltungswert und seine naturwissenschaftlichen Komponenten, indem technische Daten von Waffen miteinander verglichen werden […] Auf diese Weise sind die Waffen für eine hemmungslose Technikfaszination entblößt“5

Die Ergebnisse der Analyse werden dann zuletzt in den Kontext der Geschichte des Deutschen Technikmuseums eingebunden. Welche Kontinuitäten und Unterschiede der Darstellung lassen sich feststellen? Interessant ist hier auch die angesprochene Kontrastierung mit anderen Ausstellungen um herauszufinden, worin sich die Darstellungart und Ziele in Technikmuseen von historischen Museen unterscheidet.

Eva Zwach, Deutsche und Englische Militärmuseen im 20. Jahrhundert. Eine kulturgeschichtliche Analyse des gesellschaftlichen Umgangs mit Krieg, Münster 1999, S. 307
Thomas Thiemeyer, Waffen und Weltkriege im Museum. Wie sich die museale Darstellung der beiden Weltkriege und der Umgang mit Militaria gewandelt haben, in: Militärgeschichtliche Zeitschrift, Bd. 69 (2010), S. 1–16, hier S. 12–13
Joachim Baur, Museumsanalyse. Zur Einführung, in: ders., Museumsanalyse. Methoden und Konturen eines neuen Forschungsfeldes, Bielefeld, S. 7–14, hier S. 7
Dies wäre etwa mein Kritikpunkt an die Arbeit von Susanne Claußen:Susanne Claußen, Anschauungssache Religion. Zur musealen Repräsentation religiöser Artefakte, Bielefeld 2009
Zwach, Deutsche und Englische Militärmuseen im 20. Jahrhundert, S. 308

Forschung als Reise

„Doing research is not like strolling along an easy, well-marked path to a familiar destination; it’s more like zigzagging up and down a rocky hill through overgrown woods, sometimes in a fog, searching for something you won’t recognize until you see it.“

Booth, Wayne C./Colomb, Gregory G./Wiliams, Joseph M.: The Craft Of Research, Chicago 2008, S.32f