Der Sinn von Gedichtinterpretation

Aus der Reihe „Thorsten, der alte Besserwisser, belehrt dumme Facebook-User“. Heute: der Sinn von Schule. Denn User Michael Molli beschwerte sich auf Facebook darüber, dass die Schule nur unsinniges Zeug beibringe (sinngemäß):

„Stellt eigentlich jemals irgendjemand die Frage, ob der Unterrichtsstoff im Leben irgendeine Relevanz hat? Von all dem Scheiß der mir im Unterricht all die Jahre aufgezwungen wurde, brauche ich so gut wir garnichts. Ich besorge mir das Wissen was ich brauche und was mich interessiert selber, nachdem ich die Massenvergewaltigungsinstitution Schule verlassen durfte.“

Der User rezitiert hier nur dummes und unreflektiertes Blabla, was jeder von uns so wahrscheinlich mal gesagt und tausendmal gehört hat. Aber statt immer wieder den selben Vorwurf wiederzukäuen, sollte man vielleicht mal darüber nachdenken, ob es hinter dem eigentlich Gelerntem, etwa Kurvendiskussion oder Gedichtanalyse, noch eine weitere Ebene gibt.

Denn meiner Meinung nach waren die wenigsten Dinge, die man gelernt hat, reiner Selbstzweck, sondern dienten dem Erwerb von grundsätzlichen Fähigkeiten, die jeder von uns tagtäglich anwendet. Als Beispiel habe ich eben die viel geschmähte Gedichtanalyse gewählt:

Ja, die wenigsten Sachen die man in der Schule lernt, braucht man später 1:1 im Leben.Es ist aber falsch (und dumm) dem Gelernten den generellen Sinn abzusprechen.

Erlernte Lösungswege können auch abstrahiert und auf andere Probleme übertragen werden – Stichwort Lerntransfer. Man kann sich natürlich darüber lächerlich machen, dass man nie wieder ein Gedicht interpretieren muss. Aber die Fähigkeit, Texte zu analysieren, damit den tieferen Sinn zu verstehen und das alles in eine logische Argumentation zu packen braucht man jeden Tag, selbst wenn man nur auf Facebook schreibt und liest.

Was kann man aus der Geschichte lernen?

Eigentlich eine rhetorische Frage sollte man meinen. Zumindest antworten Historiker hier reflexartig mit „Nein!“. Ich frage mich aber gerade, ob das wirklich so haltbar ist. Denn wenn man aus der Geschichte nichts lernen kann, bedeutet das nicht zwangsläufig auch, dass man aus den eigenen Erfahrungen, die man im Leben sammelt, ebenfalls keine Schlüsse ziehen sollte? Aber erstmal willkommen zu einem neuen Teil von „Thorsten, der alte Besserwisser, belehrt dumme Zeit-Online User“ (Wobei ich diesmal weder etwas besser weiß, noch einen User belehre).

Diesmal ging es um den Artikel „Krisen: Erhitzte Zeiten“ von Gero von Randow. Die Kernaussage des Autors war, dass unsere heutige Zeit, die uns so überhitzt und rasend vorkommt, durchaus Entsprechungen in der Vergangenheit hatte. Die Jahrhundertwende vom 19. auf das 20. Jahrhundert galt ja durchaus als Zeit der Nervosität. Anyway, trotz des Blickes zurück betont Randow immer wieder, dass man aus der Vergangenheit nichts lernen könne:

„Nein, es ist nicht alles schon da gewesen. Die Vergangenheit belehrt uns auch nicht über die Zukunft. Wohl aber darüber, was man falsch machen kann.“

Ich fand, dass sich der Autor hier selbst widerspricht. Meine Replik geht noch etwas weiter und ich frage danach, ob es nicht paradox ist, dass der Mensch den Wert ‚kollektiven Erfahrungen‘ negiert, während jeder tagtäglich aus seiner eigenen ‚Geschichte‘ zu lernen versucht:

Widerspricht sich der Autor hier nicht selbst? Denn die Erkenntnis, dass eine Handlung in der Vergangenheit ‚falsch‘ war, impliziert doch bereits einen Lerneffekt?

Aber das passt zu unserem paradoxen Umgang mit Vergangenheit. Auf der einen Seite steht das Mantra, dass man aus der Geschichte nichts lernen könne. Auf der anderen der Anspruch des einzelnen Menschen, dass die eigenen Erfahrungen etwas wert sein müssen. Wer von uns würde leugnen, dass er eine neue Situation nicht mit einer ähnlichen, bereits erlebten, abgleicht und versucht daraus eine Handlungslösung zu entwickeln? Und dabei sind alle Menschen und Situationen unseres Lebens einzigartig und nicht vergleichbar.
Also. kann man nun aus der Geschichte etwas lernen, oder nicht?

Ich sage ja. Nicht in dem Sinne, dass wir aus dem Mittelalter Lösungen für heutige Probleme ziehen können. Sondern die Erkenntnis, dass weder ich, noch unsere Gesellschaft, noch unsere Probleme einzigartig in der Weltgeschichte sind.

„Medien und die „gefühlte Wirklichkeit“

Ein weiterer Beitrag aus meiner (neuen) Reihe, „Thorsten, der alte Besserwisser, belehrt dumme Zeit-Online-User“. Thema heute:

„Gefühlte Wirklichkeit“ versus „Realität“

Einleitend sei gleich gesagt, dass ich weiß, dass „Wirklichkeit“ und „Realität“ problematische Begriffe in der Philosophie sind – was ist Wirklichkeit, was ist Realität, Konstruktivismus und so weiter – aber der Einfachheit halber verwende ich hier meine persönliche Definitionen (bin aber offen für Kritik und Anmerkungen 😉 )

Realität = Das, was tatsächlich ist und sich durch objektive Methoden beschreiben lässt.

Wirklichkeit = Subjektive Einschätzung, aka „Bauchgefühl“ eines Individuums über die Realität.

Also, um was ging es diesmal?

„Die Zeit“ berichtete über die tragischen Ereignisse der beiden vor kurzem durch Polizisten erschossenen Schwarzen und der eskalierten Demonstration in Dallas (bisher fünf Polizeibeamte getötet). [LINK]

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